Kultur : Eine Lichtmaschine für die Welt

Die Geschichte geht doch weiter: Francis Fukuyama schlägt den USA vor, für das globale Projekt Nation-Building eine Institution aufzubauen. Was aber ist Europas Antwort?

Caroline Fetscher

Eine Mauer fiel. Ein Denker sprach. Das Ende des Kalten Krieges, so erklärte Francis Fukuyama damals, sei auch das Ende der Geschichte. Vorbei sei der Zwist zwischen Ideologien wie Kommunismus, Faschismus oder Feudalismus. Die Menschheit habe ihre „ideologische Evolution“ vollzogen. Als der Block mit dem Namen „Ost“ wie ein Quader im Steinbruch zerbarst, entstand starker Luftdruck. Staub wirbelte auf. Das Buch der Vergangenheit ward zugeschlagen, wie von einer ungeheuren Bö. Fukuyama indes lieferte das ultimative Werk zum Schluss („The End of History and the Last Man“, 1992). Sein Diktum vom „End of History“ wurde zum geflügelten Wort – und der Mann rund um die Welt bekannt.

Mit dem Sieg der Demokratie, sagte er, sei die von Hegel geforderte Anerkennung des Einzelnen in seiner Würde und Individualität, seien die von Theoretikern wie Alexis de Tocqueville erkannten, notwendigen Normen – freie Wahlen, unabhängige Justiz, Marktwirtschaft – zu Desiderata des gesamten Globus geworden. Jede weitere Debatte um eine alternative, politische Organisation der Menschheit erübrige sich.    

Doch der Staub im Steinbruch hat sich gelegt. Der Denker reibt sich die Augen: Es liegen noch andere Brocken da. Nun ist Francis Fukuyama mit der Zeit zu der Überzeugung gelangt: Die Geschichte geht doch weiter. Autokraten, Kleptokraten, Oligarchien – viele sind unbeirrt jenseits der Demokratie aktiv. Wo Schmetterlinge fliegen sollten, findet man allenfalls politische Kokons. Ihnen, den letzten Nicht-Demokratien, gilt es, zur Metamorphose zu verhelfen. Und seine eigene, die US-Regierung, so sieht es Fukuyama, ist dazu berufen.   

In einem Essay der aktuellen Ausgabe der US-Zeitschrift „Atlantic Monthly“ analysiert Fukuyama, der auch im Beirat des National Endowment for Democracy sitzt, nun die zentrale Wende der amerikanischen Außenpolitik zu einem Missionsapparat der Weltgeschichte. Hatte Präsident Bush noch im Oktober 2000 erklärt, er glaube nicht, dass US-Truppen für Nation-Building eingesetzt werden sollten, so bekannte sich derselbe Bush im Februar 2003 angesichts des bevorstehenden Irak-Einsatzes der USA offen zu eben dieser Unternehmung. 

Fukuyama, dessen Utopie einer Welt aus demokratischen Nachbarn immerhin von Millionen geteilt wird – und die beste Utopie ist, die es je gab – erkennt in Bushs Wendung mit Recht eine radikale Neuerung. Seit im Zentrum von New York ein Massengrab mit 3000 ermordeten Zivilisten liegt, hat Amerika begriffen, dass dysfunktionale und autoritäre Systeme Terror bedeuten, gegen die eigene Bevölkerung und gegen andere. Auch solche Systeme, mit denen man bisher unbeschwert Geschäfte machte.

Nichts wäre in der Tat besser, als den Potentaten, Warlords oder Zentralkomitees die Macht aus den Händen zu nehmen. 200000 politische Häftlinge Nordkoreas sehnen sich nach Befreiung, wie die gefolterten Demokraten in Burma, die unterdrückten Bürger Zimbabwes, die Frauen, die in islamischen Gefängnissen manchmal jahrzehntelang auf ihre Steinigung warten.

Neue Marshall-Pläne

Nein, die Epoche der Transformation ist keineswegs vorüber. Doch Transformation braucht einen Plan, einen kohärenten, anwendbaren, überzeugenden. Und der, so kritisiert Fukuyama, ist bisher unvollkommen. Konstatieren wir: Noch nie und nirgends ist Democracy-Building ohne Einfluss von außen gelungen. Auch der  einstige rogue-state (Schurkenstaat) Germany stieg nur als Phönix aus der buchstäblichen Asche empor, weil Marshall-Plan und Reeducation ihn – wie auch Japan nach 1945 – auf den richtigen Weg brachten. In den letzten Diktaturen Europas nach 1945 – Griechenland, Spanien, Portugal – erhielt die Opposition ideelle und finanzielle Hilfe von außen, etwa von den europäischen Nachbarn, besonders von der deutschen Sozialdemokratie. Nachkriegsstaaten wie Afghanistan, Ost-Timor, Bosnien, Ruanda sind fragile Gebilde, traumatisiert, sozial instabil, innerlich zerrissen, hungrig nach Gerechtigkeit, Chancen, Arbeit. Sie benötigen in der ersten Phase ein Treibhaus, in dem sie gedeihen können – mithin Architekten und Gärtner, eigene wie andere, die ihr Handwerk verstehen.

Nirgends aber werden Programme und Erfahrungen des Nation-Building in Nachkriegs-Szenarien international als „institutional memory“, wie Fukuyama es nennt, ausgewertet und gesammelt, geschweige denn weitergegeben. Weder an eigene Truppen und zivile Helfer, noch an Vertreter der betroffenen Länder, weder durch die USA, noch in den Vereinten Nationen. Immer wieder wird darum am Kokon Demokratie dilettantisch herumgerupft, damit er aufgehe. Gravierende Fehler, die man in Bosnien machte, wiederholen sich etwa im Kosovo oder Afghanistan – und auf besonders fatale Weise derzeit im Irak. 

Francis Fukuyama also schlägt dem Weißen Haus vor, was längst fällig gewesen wäre: Eine „Central Authority“, eine Institution, die das Nation-Building zu ihrer Kernaufgabe macht, um in künftigen Fällen besser vorbereitet zu sein. Sein Buch zum Thema („State-Building: Governance and World Order in the 21st Century“) erscheint im Frühjahr bei Cornell University Press. Fukuyama, die USA haben das Thema der Zeit erkannt. Die UN, erklärt der Autor ohne Zögern, kämen als Ort einer solchen Institution nicht in Frage. Und leider ist dies gegenwärtig wahr. Wollen die USA ihren demokratisierenden Einfluss ausweiten, so folgert Francis Fukuyama, können nur sie diese Aufgabe angehen. Nur die USA?

Die Grundidee Fukuyamas ist so zeitgemäß wie richtig. Den Verzicht darauf, das Wissen über Transformationsprozesse zu akkumulieren, zu analysieren und zu tradieren, kann sich die internationale Gemeinschaft nicht leisten. Das wäre weltpolitische Schlamperei. Ebenso prekär aber wäre es, wenn allein die USA – unilateral – ein solches pragmatisches Archiv und Trainings-Center betreiben würden. Doch so wird Fukuyamas Geschichte offenbar ausgehen – Europa scheinen Aufgewecktheit und Interesse zu fehlen.

Den Vorschlag, eine „International Academy for Transition Studies“ zu gründen, machte die Autorin dieses Textes vor gut einem Jahr (siehe Tagesspiegel 27.4.2003). Mein ausführlicher Entwurf für eine solche Academy mit Sitz in Genf, gemeinsam getragen von möglichst vielen funktionierenden Demokratien, zirkulierte dann, auf Englisch, im Oktober 2003 diesseits und jenseits des Atlantik. Das Papier beschreibt eine Transition Academy, an der etwa ehemalige UN-Verwalter unterrichten, OSZE- und Rotkreuz-Mitarbeiter ihre Expertisen weitergeben, in der Historiker, Soziologen, Ökonomen und Praktiker gemeinsam arbeiten mit Vertretern jener Staaten, die sich akut vor oder mitten im Prozess der Transformation befinden. Der Vorschlag fand positives Echo, etwa bei Bosniens internationalem Hochkommissar Paddy Ashdown, bei amerikanischen Thinktanks und anderen Organisationen. Deutsche Außenpolitiker jedoch winkten ab: Wozu denn das? Nun – wegen Europas sinnvollem Einfluss auf solche Transformationsprozesse vielleicht? Damit sie multilateral und glaubwürdiger werden? Es gäbe gute Gründe.

Wie Fukuyama haben andere in den USA den neuen Boden bereits betreten, etwa der einflussreiche Transition-Forscher Jim Dobbins von der Rand Corporation, der unlängst eine vergleichende Studie zu Transformationsprozessen nach Kriegen und Bürgerkriegen verfasste.

Alles sieht danach aus, dass es eine „Central Authority for Transition“ geben wird. Sie wird wohl ans Weiße Haus angegliedert werden, und sie wird sich einen Dreck um Europa scheren – solange Europa in Außenpolitik und Menschenrechtsfragen nicht klar und mit einer Stimme spricht. Eine multilaterale, europäische Transition-Academy, gegründet auch mit Hilfe neuer EU-Partner, die von Transformation einiges verstehen, wäre dazu ein erster und effektiver Schritt.

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