Kultur : Eine Meisterin aus Deutschland

Begnadet und ungnädig, verehrt und verachtet: Zum Tod von Leni Riefenstahl

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Leni Riefenstahl war eine der umstrittensten deutschen Künstlerinnen: als Tänzerin, Schauspielerin, Regisseurin und Fotografin. Mit Werken wie „Das blaue Licht“ (1932), „Sieg des Glaubens“ (1933) sowie „Triumph des Willens“ (1935),d ihren beiden OlympiaFilmen von 1936 und „Tiefland“ (1940/54), einer der teuersten Produktionen der UFA-Geschichte, begründete sie ihren Ruf als visionäre Filmemacherin. Sie war zugleich Wegbereiterin einer propagandistischen Bildsprache, die das NS-Regime mit archaischen wie modernen Mitteln verherrlichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg drehte sie kaum noch, ihr Ruhm verblasste. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde sie wieder entdeckt. 2002 stellte sie ihren Film „Impressionen unter Wasser“ fertig, in dem die passionierte Taucherin sich als Umweltschützerin präsentiert.

Volker Schlöndorff, Filmemacher:

Schade, dass sie nicht mehr Ehrenmitglied der neu gegründeten deutschen Filmakademie werden konnte.

Christoph Schlingensief, Regisseur:

In Leni Riefenstahl kollidierten zwei Systeme: die Politik und die Kunst. Ihre Kunst entwickelte eine unbeschreibliche Kraft. Aber auf wessen Kosten bekam sie diese Kraft? In ihren Werken hat sie stets versucht, eine Ordnung zu schaffen. Wer sich die Urfassung von „Triumph des Willens“ ansieht und anschließend die veröffentlichte Version, der spürt den absoluten Willen zur Gestaltung. Wenn jemand Ordnung schafft, fasziniert er die Menschen mehr als jemand, der sagt: Ich stehe für das Leben ein. Die Leute, die sie für ihren Dreh ankarren ließ, hatten nur in der Ordnung ihrer Kunst einen Platz. Wurde ihr Streben nun vom politischen System vereinnahmt oder hat Leni Riefenstahl die Politik benutzt, um ihre künstlerischen Intention durchzusetzen? Die Frage hinterlässt mich ratlos. Aber die Ratlosigkeit verweist darauf, dass sich Politik und Kunst heute immer noch verschwistern. Mich interessiert an Riefenstahl nicht ihre Ästhetik. Ihr Beispiel zeigt vielmehr, dass sich Kunst von der Politik nicht frei machen kann.

Joachim Fest, Publizist:

Riefenstahls Werk widerlegt die These, dass im Nationalsozialismus keine Kunst möglich gewesen wäre. Das ist ein beunruhigender Gedanke. Ihre Filme zeigen eine Welt von Ordnung und Unterordnung, von Befehl und Gehorsam. Eine Welt in Reih und Glied.

Romuald Karmakar, Filmemacher:

Zu Leni Riefenstahl fällt mir ein, was ich vor zwei Wochen in München im Schneideraum erlebte. Der Kameramann meines Dokumentarfilms „Warheads“ arbeitete zufällig auch dort, an einem Film über eine Holocaust-Überlebende in London. Ich wunderte mich, dass er Regisseur geworden ist, und er erzählte mir, warum. Er ist nämlich im Jahr 2000 mit dem Hubschrauber abgestürzt, in dem auch Leni Riefenstahl saß. Drei Monate später, nachdem er sich von seinen recht schweren Verletzungen erholt hatte, musste er feststellen, dass er auf einem Auge blind geworden war. Er beschloss daraufhin, nicht länger als Kameramann zu arbeiten, sondern selbst Filme zu machen und zwar ausschließlich solche, die ihm wichtig sind – das Leben ist kurz. Nach dieser Maxime arbeite ich auch: Filmzeit ist Lebenszeit.

Stefan Moses, Fotograf:

Leni Riefenstahl war eine unglaublich getriebene, schöne, vitale, couragierte und moderne Künstlerin. In ihren Anfängen. Bald verfing sie sich in den Netzen der Nazis. Ich wurde zeitlebens von ihren Arbeiten ebenso an- wie abgestoßen. Endlich hat die liebe Seele Ruh.

Oskar Roehler, Filmemacher:

Mensch, sie ist ja doch ganz schön alt geworden.

Uschi Glas, Schauspielerin:

Für mich war sie ein Genie. Ich bin sehr froh, dass ich ihre Freundin sein durfte.

Christina Weiss, Kulturstaatsministerin:

Mit ihrem Talent fand sie filmische Mittel, die inzwischen zum ästhetischen Kanon gehören. Ihre Karriere zeigt aber auch, dass es ein wahres Leben im falschen nicht geben kann. Leni Riefenstahl steht daher für ein deutsches Künstlerschicksal im 20. Jahrhundert: in ihrer künstlerisch-revolutionären Helllsicht ebenso wie in ihrer politischen Blindheit und Verblendung.“

Bazon Brock, Kulturphilosoph:

Ich habe ihr Anfang der Siebzigerjahre als Mitglied des „Art Directors Club“ einen Preis verliehen, mit dem wir ihre Leistung als Filmkünstlerin deshalb hervorhoben, weil sie als erste die Verschwisterung von Macht und Recht, Macht und Ethik, Macht und Schönheit zu einer Überwältigungsdramaturgie dargestellt hat. Sie verkörpert eine Avantgarde-Tradition, die in Macht einen natürlichen Mechanismus zur Ausschaltung des limbischen Regulativs sieht. Während das Hirn ständig nach neuen Lustreizen sucht, sie auskostet und dann verwirft, formulierten Riefenstahls Filme das Versprechen einer dauerhaften Anwesenheit der Götter. Dabei war ihr filmischer Kanon ziemlich schmal und speiste sich zudem aus Innovationen der Bauhaus-Schule. Erst als ihre Ästhetik durch Hitlers Macht legitimiert wurde, entfaltete sie ihren grandiosen Effekt. Als Frau stand sie außerdem für die Verbindung von Eros und Thanatos, von Liebe und Tod. So konnte sie eine Macht anrufen, die Tausendjährigkeit als Moment höchster Verzückung inszenierte. Ihr Trick war, dass die „machtgestützte Innerlichkeit“ (Thomas Mann) nur durch die Macht selbst erlöst werden konnte. Und zwar im Moment des Untergangs.

Als sie ab 1970 wieder stärker ins Rampenlicht rückte, erfand sie immer abstrusere Argumente für ihre Verstrickung mit dem Nazi-Regime und suchte Zuflucht bei privatistischen Schwachsinnigkeiten. Ihre Autobiografie ist ein Bild des ungeheuren Drucks, sich rechtfertigen zu müssen. Aber sie wusste genau, dass sie ein historisches Beispiel dafür abgegeben hat, wie man mit den Mitteln der Ästhetik politische Orientierung herstellt.

Andres Veiel, Dokumentarfilmer:

Großes Talent braucht die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion. Weil es Riefenstahl an Letzterem vollkommen mangelte, ist sie für mich ein Lehrbeispiel für die Unkultur, die aus der Ehe von Geist und Macht hervorgehen kann.

Hilmar Hoffmann, Filmhistoriker:

Ihr tragischer Irrtum war, die Welt durch ästhetisch inszenierte Schönheit verändern zu wollen.

Reinhold Messner, Abenteurer:

Sie war nicht verantwortlich dafür, dass ihre Ästhetik von den Nazis benutzt wurde. Goebbels suchte nach Bildern, die die NS-Visionen weitertrugen, und er fand sie bei ihr. Ihr Fehler war: Sie wehrte sich nicht dagegen.

Wolfgang Joop, Modeschöpfer :

Ihre Sehnsucht nach Schönheit und Kraft entspricht einem humanistischen Gedanken. Aber sie war unbußfertig, wollte sich nicht erinnern. Das macht sie in den Augen vieler Menschen zur Sünderin. Auch vor dem höchsten Gericht wird Leni Riefenstahl stolz und vielleicht hochmütig stehen. Über 100 Jahre haben die Götter ihr geschenkt. Sie waren überaus gnädig; begnadet und ungnädig war sie. Wer fragt beim Anblick der Pyramiden nach den Tränen, die sie gekostet haben? Jemand wie sie wird nicht wiederkommen.

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