Kultur : Eine notwendige Herausforderung

Der frühere Präsident des Bundeskriminalamtes plädiert für eine RAF-Ausstellung in Berlin

Hans-Ludwig Zachert

Vor zehn Jahren kam bei einer Aktion auf dem Bahnhof in Bad Kleinen Wolfgang Grams durch eigene Hand zu Tode und Birgit Hogefeld wurde festgenommen. Offensichtlich wurden damit zwei Top-Leute der Kommandoebene der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) entzogen. Denn seitdem ist diese terroristische Organisation nicht mehr in Erscheinung getreten. Ist damit das Kapitel RAF abgeschlossen? Leider noch lange nicht.

Aus polizeilicher Sicht sind eine Reihe von spektakulären Morden – zum Beispiel die Fälle Rohwedder, Herrhausen, von Braunmühl, Beckurts und Zimmermann – bis heute nicht aufgeklärt. Die juristische Aufarbeitung wird also noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Bemerkenswert ist jedoch, dass noch zur „aktiven Zeit“ der RAF, ab dem Ende der siebziger Jahre, einige künstlerische Produktionen entstanden, die naiv für die Terroristen Position bezogen oder zumindest Verständnis äußerten (Stichwort: „Deutschland im Herbst“). Eine Umwertung der verbrecherischen Morde der RAF wurde da ansatzweise spürbar, die Mordtaten traten in den Hintergrund, und die Mörder – die Top-Terroristen – erschienen verharmlosend als radikale Idealisten, als „Systemveränderer“ oder irgendwie „coole Typen“.

So entstand besonders bei jüngeren Menschen, gewollt oder ungewollt, eine Legendenbildung. Vor allem die Leitfiguren Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof avancierten zu Pop-Figuren und dienten mit dem fünfzackigen RAF-Emblem als Symbole der T-Shirt-Industrie. Für viele der älteren Generation, die die Jahre 1970 bis 1990 bewusst erlebt haben, sicherlich eine irritierende Entwicklung. Immerhin sind diese 20 Jahre in sicherheits- und rechtspolitischer Hinsicht nicht unproblematisch gewesen. Auch die außergewöhnlichen polizeilichen Exekutivmaßnahmen zur Bekämpfung der RAF waren für diese Zeit kennzeichnend. Damit aber ist die RAF Teil einer Zeitgeschichte, die eine ganze Generation und die Bundesrepublik in jenen Jahren mitgeprägt hat.

Annähernd 30 Menschen haben bei den Aktionen der RAF ihr Leben lassen müssen. Vor diesem Hintergrund könnte die geplante Ausstellung „Mythos RAF“ nicht stattfinden, wenn nicht sichergestellt ist, dass die Angehörigen der RAF-Opfer angemessen einbezogen werden. Doch auch staatliche Stellen müssen – soweit dem nicht zwingende juristische Gründe entgegenstehen – im Interesse einer objektiven und damit jeder Legendenbildung entgegenwirkenden Sachdarstellung ihr einschlägiges Material für diese Thematik der Ausstellung zur Verfügung stellen. Hier böte sich die einmalige Chance, durch eine Vielzahl der Öffentlichkeit noch nicht bekannter Materialien aufklärend zu einem realistischen Bild der Zeitgeschichte beizutragen.

Fatal wäre es, wenn es im Kontext dieser Ausstellung zu einer Polarisierung in der Art käme, dass sich hier nur die Sympathisanten, die das Phänomen RAF in einen tendenziell eher verharmlosenden Mythos einmünden lassen wollen, und dort die Repräsentanten des staatlichen „Repressionsapparates“ positionieren, die nur die totale Negativ-Darstellung der Täter im Auge haben. Ideologien sind bei der Ausstellung nicht gefragt, auf keiner Seite. Die Tatsachen sollen sprechen, und aussagekräftiges Material gibt es genug.

Klaus Biesenbach, der künstlerische Leiter der Berliner „Kunstwerke“ und Ausstellungsmacher, behauptet zwar, dass er gerade mit dieser Ausstellung der Mythenbildung und Glorifizierung auf ernsthafte Weise entgegenzuwirken gedenke. Das klang zunächst wenig überzeugend, da er erst aufgrund des berechtigten Protests der Angehörigen der Opfer eine neue Ausstellungskonzeption zum „Mythos RAF“ vorstellen will, die dieses eklatante Säumnis beheben soll. So fehlt vorerst das Zutrauen, dass bis 2004, sozusagen „auf die Schnelle“, diese Nachbesserung gelingen wird.

Der hier relevante RAF-Komplex aber bedarf dringend noch der sehr gründlichen Aufbereitung und Materialsammlung – damit eine ernstzunehmende Ausstellung zu Stande kommen kann. Prinzipiell ist diese RAF-Ausstellung zu begrüßen, wenn die Ausgewogenheit des Konzepts gewährleistet ist. Der Anspruch an dieses Vorhaben ist enorm hoch, das Thema und der immense Stoff sind zu wichtig, als dass dies mit leichter Hand angegangen wird. Eine große Chance wäre dann unverzeihlich vertan!

Wie kann, wie soll eine Ausstellung über die RAF aussehen? Nach Andres Veiel, Harald Martenstein, Christoph Stölzl und Diedrich Diederichsen äußert sich heute Hans-Ludwig Zachert, Jurist und Japanologe, seit 1965 im Bundeskriminalamt tätig und bis 1996 sieben Jahre Präsident des BKA. – Als Nächstes folgt ein Beitrag von Caroline Fetscher.

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