Kultur : Eine Pose ist eine Pose ist eine Pose

Christine Lemke-Matwey

Wäre dieses Konzert ein Fußballspiel, die Fans der Lang-Lang-Show und die Apologeten jenes dramaturgischen Vollkornbrots, das das Deutsche Symphonie Orchester Berlin unter Kent Nagano so hingebungsvoll zu kauen gelernt hat, würden spätestens zur Pause wild aufeinander losgehen. „Aua!“, gellt es nach György Kurtágs mäandernder „Stele“ op. 33 für großes Orchester von oben, „schauderhafte Musik!“ Und Kurtágs „Hommage an R. Sch.“ für Klarinette, Viola und Klavier nach der Pause erntet sogar wütende Buhs (wofür das elaborierte Spiel der Orchestersolisten wahrlich nichts konnte).

Für Lang Lang hingegen gibt es nach Mozarts c-Moll-Konzert in der Philharmonie Ovationen. Längst ist der chinesische Wunderpianist mit seinen 23 Jahren an einem Punkt angelangt, an dem er auch öffentlich Fußball spielen oder Vollkornbrote kauen könnte, um die Massen zu hysterisieren. Ein Weltwissen wie das seine reicht eben überall hin. Und ein Mensch, ein Bauch, eine Seele, die für alles Feinstoffliche, alles Intuitive derart empfänglich ist, kann nichts falsch machen.

Umso mehr muss Lang Langs Mozart- Spiel an diesem Abend verstören. Gewiss, wie er, gleichsam auf dem Atem der Musik reitend, stets da landet, wo er landen will – das ist hohe Kunst, das raubt einem den Atem. Noch die kleinste Kadenz bettet er butterweich, seine Piani kommen wie auf Katzenpfötchen daher, und die Farben in diesem „düstersten“ aller Mozart-Konzerte implodieren förmlich unter seinen Händen. Wichtiger noch: Das alles wird äußerst wirkungsorientiert in Szene gesetzt. Dieser Junge ist eine Diva, eine Prima Ballerina, ein Theatraliker. Da trillern die Backen (mit), da wird jede musikalische Rokoko-Allüre mit geschürzten Lippen und neckisch geschwollener Brust geahndet, da reicht die Mimik gleich für mehrere Mozart-Opern.

Nie aber denkt Lang Lang das Satz- oder gar Konzertganze, stets poliert er Einzelphrasen, wählt den kürzesten Weg. Gemessen an unserem aktuellen Mozart-Bild ist das fast ein Affront. Der Chinese dekonstruiert, wo die Musikwelt bislang den Menschenerzähler Mozart suchte (und fand), er zergliedert in Affekte, in gipserne Posen, was Jahrhunderte für Wahrheit hielten. Ein hochvirtuoses, exotisches Maskenspiel also. Selbst die Einfalt des Larghettos, der Dialog mit den Holzbläsern, wirkt auf diese Weise vorgeführt, ja bloßgestellt.

Alles eine Frage der Tradition, des eingefleischten Wissens, des revolutionären Blicks? Für Schumanns „Rheinische“ nach der Pause jedenfalls hatte Lang Lang keine Zeit. Da saß er längst im Foyer – und signierte.

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