Kultur : Eine wird gewinnen

Duell der Diven: Donizettis „Maria Stuarda“ an der Berliner Staatsoper

Frederik Hanssen

Was ist das Beste an Karsten Wiegands fulminanter Inszenierung von Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“ an der Berliner Staatsoper? Er nimmt das Stück ernst, er glaubt an die Figuren, vertraut der Vorlage. Derzeit keine Selbstverständlichkeit an Berliner Bühnen – man denke nur an Peter Mussbachs „Lustige Witwe“, die der Hausherr der Lindenoper derart als lächerliche Posse aus vergangenen Tagen inszenierte, dass man sich fragt, warum er seine kostbare Zeit überhaupt mit solchem Talmi verschwendet.

Karsten Wiegand ist weit entfernt von solcher Hybris. Er will eine Geschichte erzählen, die das Publikum ebenso angeht wie anrührt – und wird am Freitagabend dennoch von einem Großteil des Premierenpublikums wütend bekämpft. Sie mögen sich nicht einlassen auf seine liebevolle Aktualisierung des Königinnen-Dramas aus dem 16. Jahrhundert. Kommt es beim Belcanto wirklich nur auf Kehle und Kostüm an? Die Intendanten der privatwirtschaftlich betriebenen Theater im Italien des 19. Jahrhunderts sahen das so, doch Komponisten wie Bellini und Donizetti rangen zeitlebens darum, echte, nachvollziehbare Gefühle auf die Bühne zu bringen.

Mary, Königin von Schottland, wird des Mordes an ihrem Ehemann angeklagt. Sie flüchtet nach England. Doch die dortige Herrscherin Elisabeth I. lässt sie festnehmen. Schließlich strebt die Katholikin Mary ganz offen danach, auch das anglikanische England zu ihrem Glauben zu zwingen. Der Staatsrat fordert ihren Kopf. Elisabeth zögert. Erst als sie erkennt, dass sich ihr Geliebter, Graf Leicester, auf Marys Seite geschlagen hat, unterschreibt sie das Todesurteil.

Als die Veroperung von Schillers Drama 1835 uraufgeführt wurde, waren dem Publikum die mörderischen Ränkespiele verfeindeter Dynastien vertraut. Die Königinnen von heute aber sind die Promis, und darum verlegt Wiegand die Story in ein Altersheim, in dem sich zwei Diven belauern. Alain Rappaport hat für diesen Zickenkrieg ein wunderbares Geisterhaus gebaut, eine Villa im Neo-Tudor-Stil, die architektonisch-ironisch auf jenes Jahr 1587 anspielt, als Elisabeth Mary hinrichten ließ. Durch das ewige Halbdunkel der Eingangshalle huscht immer wieder der Chor, in historischen Gewändern der Romantik (Kostüme: Britta Leonhardt), schemenhafte Zeugen einstiger Triumphe der Bühnenheldinnen.

Elena Mosuc und Katarina Karnéus spielen die beiden abgehalfterten Primadonnen: grandios, hässlich, gemein. Natürlich sieht es alles andere als attraktiv aus, wenn Elisabetta im gepunkteten Negligé den Tenor zu verführen versucht, während ihr die dünnen, grauen Omazöpfchen um die Schultern schlackern. Und wenn sich die gelähmte Maria während ihrer Auftrittsarie mühsam am Treppengeländer herunterhangelt, auf dem hochtoupierten Haar goldglänzende Widderhörner, dann sträubt sich zunächst das eine oder andere Nackenhärchen. Doch was für einen Stolz, was für eine Würde haben diese Frauen! Hier geht es um letzte Dinge, um Leben oder Tod. Und plötzlich sind die Koloraturen kein zweckfreier Zierrat mehr, sondern Ausdruck der Verzweiflung, Racheschreie, Triumphgeheul.

Selten verschmelzen bei Belcanto-Produktionen Szene und Musik so zur Einheit wie an diesem Abend. Der junge Kapellmeister Alain Altinoglu atmet mit den Sängerinnen, alle Tempi ergeben sich organisch, ob er die Staatskapelle nun mächtig vorpreschen lässt oder Elena Mosuc Zeit und Raum gibt für ihre exquisiten Pianissimo-Töne.

Die Männer in Donizettis Diven-Duell sind nur Staffage. Mit Christof Fischesser (Talbot), Arttu Kataja (Cecil) und vor allem dem schneidigen José Bros (Leicester) bietet die Staatsoper aber auch hier erste Kräfte auf. „Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen. Man muss sie ehren“, heißt es in Schillers „Maria Stuart“. Wiegand und Altinoglu folgen dieser Aufforderung auf denkbar intelligente Weise.

Weitere Aufführungen am 3., 7., 11. und 15. Oktober

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