Kultur : Einer ist geblieben

FRANK ROTHE

Frank Schöbel humpelt.Ein Sportunfall.Wenn er genügend Zeit hat, spielt er zwei bis drei mal die Woche im Fußballverein "Empor Köpenick", mal als Stürmer, Verteidiger oder Libero.Das letzte Mal stand er im Tor.Schöbel wollte es selbst nicht glauben, doch irgendwie hat sein Fußgelenk bei einem schnellen Einsatz nachgegeben.Jetzt läuft er unter Schmerzen, muß zum Arzt und immer wieder ordentlich kühlen.

Der 56jährige Sänger greift mit der rechten Hand durch seine dunkelblonden Haare und lockert sie auf.Die Stirnlocken bringt er in die richtige Position, indem er seine Unterlippe vorschiebt und lospustet, ihnen sozusagen die nötige Fülle einhaucht.

Frank Schöbel ist ein eitler Mensch, ohne dabei unangenehm zu wirken.Er weiß, daß er gut aussehen muß, zumindest dann, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet wird.Ansonsten ist er ziemlich entspannt, trägt Jeans und das Oberteil eines Jogginganzuges, auch wenn er damit nicht unbedingt wie Bruce Willis wirkt.Sein Outfit paßt zu ihm und zu dem, was er macht."Schlager" will er es nicht nennen.Trotzdem fällt es schwer, einen Großteil seiner Lieder nicht unter dieser Rubrik einzuordnen.Sagen wir es so: Schöbel ist ein Schlagersänger mit einem starken Hang zum Poppigen.Mit seinen frühen Liedern "Party-Twist", "Mädchen, du bist so schön" und "Wie ein Stern" eroberte er schnell die Hitparaden.Von da an ging es im Kulturbetrieb der DDR immer weiter - meistens aufwärts.

Auf knapp fünfhundert Titel schätzt Frank Schöbel sein Repertoire.Fast monatlich kommen neue hinzu.Seine Ideen sammelt er überall, sei es nun in der U-Bahn, im Auto oder sonstwo auf der Straße.Fällt ihm irgendein Thema oder eine erste Liedzeile ein, schreibt er sie auf ein Blatt Papier, daß er ständig bei sich trägt.Der Texter entwickelt diesen Stoff dann weiter.Schöbel macht die Musik dazu.Steht das Arrangement, kann er die Idee vom Blatt streichen - auch wenn der ursprüngliche Gedanke kaum noch wiederzuerkennen ist.So wurde aus der anfänglichen Liedzeile "Es geht nur noch um Kohle" ein neuer Song mit dem Refrain: "Beim einen wächst das Konto, beim andern wächst die Wut, beim Musikantenstadl ist alles wieder gut." So einfach kann Arbeit manchmal sein oder jedenfalls aussehen.

Und Schöbel arbeitet.Er hat ein Leben lang gesungen, hat in DEFA-Filmen wie dem Kultmusical "Heißer Sommer" (1966) gespielt und Fernseh- und Radiosendungen moderiert.Wenn er gefragt wird, was er noch für Ziele habe, fällt ihm keine überzeugendere Antwort ein, als eine neue Platte zu machen.Über alles Weitere hat er noch nicht nachgedacht.Er sei ein Bauchmensch und lasse sich von seiner inneren Stimme und den Gefühlen leiten, bekennt er.

Schöbel gehört wohl zu denjenigen, die keine harte Schale durch das Showbusiness bekommen haben.Trifft er auf neue Leute, kommt es schon mal vor, daß er fast ein bißchen verlegen wirkt, mit seinem Fuß auf der Erde herumtänzelt, am Anfang seinen Gegenüber nicht mit einem festen Blick in die Augen schaut und lange überlegt, bevor er etwas sagt.Frank Schöbel ist kein Rocker.

Derzeit lebt er allein in seinem Berliner Haus, wäscht und bügelt seine Sachen selber, raucht nicht, macht viel Sport - eben der geeignete Schwiegersohn.Wie oft schon behauptet wurde.In seiner Tasche hat er immer ein paar Fanpostkarten parat.Fragt ihn jemand nach einem Autogramm, zögert er keine Sekunde.Mit einem Lächeln und ein paar netten Worten, setzt er sein Signum unter das vom Weichzeichner verjüngte Foto und verteilt ein Stückchen seiner selbst auf aufpolierter Pappe.Wenn es sein muß, reicht er noch eine Karte hinterher, für die Tochter, die Mutti oder die Oma.Schöbel ist mittlerweile an dem Punkt angelangt, wo er ganze Generationen mit seinen Songs versorgen kann.

"Ich wollte ja berühmt werden.Deshalb stört es mich auch nicht, angesprochen zu werden.Wenn ich meine Ruhe haben will oder mal ins Freibad gehe, dann eben nach West-Berlin.Dort erkennen mich nicht so viele", sagt er.Zehn Jahre nach dem Mauerfall ist der größte Teil der Fangemeinde Schöbel noch immer im Osten.Anfang der neunziger Jahre hatte er, wie viele seiner Kollegen, einiges auf sich nehmen müssen: Das alte Publikum war zu sehr mit sich beschäftigt und der Zugang über die Medien zum westlichen Teil Deutschlands wurde den Künstlern aus dem Ostteil nicht unbedingt leicht gemacht.Der ostdeutsche Schlager war interessant, so lange die Mauer stand.Danach blieben die erhofften Einladungen zu Schlagersendungen und Tourneen aus.

Klar ist, daß Schöbel bis heute eine feste Fangemeinde hat, die schon mal aus Zwickau oder Görlitz zu einem seiner Berliner Konzerte anreist.Auch seine im letzten Jahr erschienene Autobiographie verkaufte sich gut: 20 000 Exemplare gingen über den Ladentisch, was bei dem soliden Preis von nahezu fünzig Mark und siebenhundert Seiten bedrucktem Papier, bemerkenswert genug ist.

Schöbel wollte sein Buch selber machen, da ihm einige Verlage androhten, eine Autobiographie herauszugeben - auch wenn er nicht mitarbeiten würde.Er sei ja eine öffentlich Person, da könne man sein Leben auch ohne ihn beschreiben.Deshalb hat Schöbel die Erinnerungen selbst verfaßt oder zumindest aufs Band gesprochen.Es ist ganz sicher kein literarisches Kunstwerk geworden, doch spiegelt es wohl am ehesten den Sänger wieder.Gleich zu Beginn fragt er den Leser, ob er ihn duzen darf und dann macht er es einfach, indem er sein Leben Schritt für Schritt noch einmal durchläuft - die Jugend in Leipzig, der Verlust des Vaters, die starke Mutter-Sohn Beziehung, die ersten Auftritte, die Lieder, seine Stasiakte und die beiden Trennungen in seinem Leben bis hinein in das Jahr 1996 - ein ganzes Leben Schöbel, was zum Großteil auch aus DDR-Alltag besteht.

Im Gegensatz zu Kunstprodukten wie Guildo Horn ist Frank Schöbel ein Vollblut-Schlagerprofi.In seinen Texten reflektiert er die Umwelt, solange sie sich reimt.Schöbel geht nicht in die Tiefe, weil er nicht der Typ dafür ist.Wenn er Glück hat, findet sich der Sinn seiner Lieder zwischen den Zeilen wieder.Spätestens durch seine Fans und deren Post erkennt auch Schöbel was er eigentlich in Bewegung gesetzt hat und dann geht es ihm gut."Früher habe ich nicht so über mich nachgedacht.Mir haben immer die anderen gesagt, wie ich bin."

Frank Schöbel hat sich die Haare gerichtet und geht auf die Straße hinaus.Leute die ihn länger als gewöhnlich angucken, grüßt er sofort zurück - mit einem Kopfnicken, daß in seiner Körpersprache einen festen Bestandteil eingenommen hat.Wird er wiedererkannt, öffnet er seine Ledertasche, nimmt die Autogrammkarten heraus, zückt den Stift und schreibt seinen Namen, während die Fans schweigend danebenstehen und warten.Manchmal sagen sie auch: "Mach weiter so und bleib so wie du bist."

"Frank Schöbel und Band" spielen am Sonnabend in der HdK, 20 Uhr

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