Kultur : Einfach schön

VOLKER STRAEBEL

Zu den ehemals sowjetischen Komponisten, die mit der Integration von Kirchen- und Volksmusik in ihre Werke die Dogmen sowohl sozialistischer Kunstauffassung als auch westlicher Avantgarde auflösten, gehört neben Alfred Schnittke und Arvo Pärt der Georgier Gija Kantscheli.Wie diese wanderte er nach Westeuropa aus, und wie im Falle Pärts erreichen die Einspielungen seiner meditativ-ruhigen, klangschön gesetzten Kompositionen ein großes, nach Innerlichkeit und musikalischer Einfachheit verlangendes Publikum.

Auch Kantschelis fünfteilige Solo-Kantate "Exil" (1994) auf den 23.Psalm und Texte von Paul Celan und Hans Sahl entzieht sich als nahezu kirchenmusikalisches Werk der harten ästhetischen Auseinandersetzung.Im Rahmen der Sommerkonzerte in der Orangerie des Schlosses Glienicke rettete die großartige, von ihrem Zahnweh nur visuell entstellte Maacha Deubner den dreiviertelstündigen Trauergesang vor den Anachronismen der Partitur.Sekundiert von einem sensibel agierenden sechsköpfigen Kammerensemble unter der Leitung von Vladimir Jurowski meisterte sie die Virtuosität des Einfachen und gestaltete ihren an notorisch fallenden Sekunden und tastenden Wechselnoten reichen Part angenehm sachlich.Dieser Musik, die in wohlausgehörter, auf wenige Gesten reduzierter Faktur daherkommt, fehlt eben jener Dorn, von dem Celans "Psalm" redet: tonale Skalen, in ruhigem Metrum ablaufende Bögen und lichte, aus wenigen Liegetönen gebildete Klangfelder bestimmen den Zyklus, der in strahlendem C-Dur schließt.Zu dessen Traurigkeit fügt sich die Hoffnungslosigkeit für die zeitgenössische Musik, die aus solchen Werken spricht.

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