Kultur : Einfach volle Pulle

Punk aus der Provinz: Wie die Kreuzberger Band Elke aus einem einzigen Riff einen Hit macht

Kai Müller

„Auch ’nen Kaffee?“ Martin Krüssel schüttet schwarzes Pulver in die Filtertüte, die Menge grob geschätzt. Die Maschine ächzt und stöhnt und spuckt am Ende ein Gesöff aus, das wie ein guter Rocksong ist. Stark, bodenlos und zum Träume verjagen. Nichts für die Kaffee-Latte-Kultur, die die bitteren Seiten des Lebens in Milchschaumwatte hüllt. Die Farbe dieser Sturzgeburt erinnert an die nachtschwarze Sonnenbrille, die Krüssel meistens im Gesicht hat. Jetzt trägt er sie nicht. Wäre dann doch ein bisschen dunkel in dem Keller, in dem sich Krüssel und seine beiden Bandkollegen um einen groben Holztisch versammeln.

Elke ist ein komische Name für eine Punkrock-Band – die Ärzte besangen mal eine Frau, die so hieß. In diesem Fall stand das Nummernschild des Wagens Pate (EL-KE 573), mit dem Krüssel, den sie „Mücke“ nennen, Hubert Deters, Spitzname „Hubi“, und Sänger Peter Bolmer aus der emsländischen Heimat nach Berlin kamen. Sie bezogen eine großräumige Parterrewohnung in Kreuzberg. Eine eigene Treppe windet sich in den Keller, in dem sich „Europas einziges Ramones-Museum“ befindet, eine beeindruckende Devotionaliensammlung, die ein Freund von ihnen aus Verehrung für die legendären amerikanischen Punk-Pioniere zusammengetragen hat. Früher war das ihr Probenraum. Aber recht eigentlich fungierte der als Partykeller. „Zehn Kisten Bier, 15 Mark Eintritt, frei saufen“, fasst Krüssel die Dynamik in dem Untergeschoss zusammen. Und schiebt hinterher: „Heute sind wir eine Party auf Rädern.“

Man muss sich an kurze Bemerkungen und Sätze ohne Verben gewöhnen, wenn man mit den drei Musikern spricht. „Wir reden nur, wenn wir müssen“, sagen sie von sich. Die Wohnung des Trios ist mit Konzertplakaten gepflastert. Vom „Highfield“-Festival bei Erfurt, vom Taubertal- und Emsland-Festival in Meppen sowie dem „Open Flair“ in Eschwege. Dort haben sie überall gespielt, obwohl man ihren Namen auf den Postern meist suchen muss neben Größen wie Wir sind Helden, Rosenstolz und Silbermond. Nicht, dass sie es nicht auch weit gebracht hätten. Eine erste, vielbeachtete Platte erschien vor einem Jahr („Wilder Westen“). Und die Toten Hosen luden sie zu ihrer Abschiedstour ein, was für die Newcomer ein „Ritterschlag“ war.

Campino & Co gaben den dreien aber auch diesen Satz mit: „Was ihr euch vorgenommen habt, wird hart zu erreichen sein.“ Denn Elke machen Volle-Pulle-Musik. Die Gitarre kreischt und schiebt, das Schlagzeug scheppert und drückt und der Bass steuert die oft nur aus einem Riff entwickelten Power-Songs durch ein Flussbett voller Stromschnellen. Das laugt aus. Die ausgestreckten Arme des Publikums sind wie Tentakel, sie ziehen und zerren. 150 Konzerte geben Elke im Jahr und bereisen die Republik in einem alten klapprigen Bus. Meist sitzen sie selbst am Steuer, weil ihre Helfer keinen Führerschein haben. „Wir kommen jetzt erst an den Punkt“, sagt Deters, „dass wir uns Hotels gönnen.“ Deshalb, konstatiert Krüssel trocken, stürben die großen Ikonen des Geschäfts aus. Es gebe kaum Leute mit der seelischen Konstitution, sich dauerhaft zu verausgaben. „Die eine Stunde am Tag, in der man auf der Bühne steht, ist alles, worum es geht“, sagt er über das grimmige Ethos des Punkrock und fügt hinzu: „Wenn man sich verkauft, wie man ist, dauert der Aufstieg eben länger.“

Von ihrer brachialen Debütplatte, die mit der Single „Adrenalin“ einen rohen, hysterischen Rocksound kultivierte, verkauften Elke etwa 10 000 Exemplare. Nicht viel, ein Anfang. Es sei für ihn „das Schönste, nach einem Konzert auf einer gebrannten CD zu unterschreiben“, nimmt Krüssel eines ihrer Probleme gelassen. „Da sag ich mir, mein Gott, ich habe früher ja auch nur AC/DC-Cassetten gehabt, die mir jemand überspielt hatte.“

Auf ihrem zweiten Album „Wir müssen hier raus“ gibt sich das Trio deutlich melodiöser. Sogar Balladen finden sich unter zwölf Songs, die mit dem Opener „Spuck nicht in mein Essen rein“ allerdings eine eher herbe Tonlage anschlagen. So drückt selbst „Fünf Minuten“, ein bezauberndes nur von einer Akustikgitarre getragenes Wehmutsstück über die Liebe, mächtig aufs Tempo. „Ich denke, fünf Minuten sollten reichen, bis du mich dann endlich liebst“, heißt es da.

Die Platte spielten die drei Wahlberliner in der emsländischen Scheune ein, in der für sie einst alles begann. Statt Gitarren-Spuren zu einer Wall of Sound übereinander zu schichten, ließen sie es dabei bewenden, die Songs im Studio wie eine Liveband herunterzuspielen. „Wir sind nur drei“, sagt Deters jetzt und verschluckt den nächsten Satz. Vermutlich, weil ihm auffällt, dass sie das ja schon immer waren. Aber nun genügt ihnen das offenbar. Gitarre, Schlagzeug, Bass. Ein Riff, ein Tempo, drei Minuten, Schluss.

Die Songs von Elke folgen mehr einer Definition von Kraft als dem Ehrgeiz, die Welt zu erklären. Ihre Schöpfer jedenfalls, die sogar die Texte im Kollektiv schreiben, scheuen ambitionierte Äußerungen darüber, was sich hinter markigen Titeln wie „Wir müssen hier raus“ und „Halt mich fest, ich werd verrückt“ an Lebenserfahrung verbirgt. Peter Bolmer ringt jede Zeile einem tiefen Reibeisenorgan ab. Die heisere, bis zum Zerreißen gespannte Stimme sagt viel über die Schonungslosigkeit, mit der die Männer durchzechte Nächte, gescheiterte Beziehungen und Traumfrauen erlebt haben. Aber sie verleiht dem Offensivdrang von Elke auch etwas Brüchiges, Verletzliches. Die Ahnung schwingt mit, dass die Verausgabung auch ihre Grenzen kennt.

Krüssel und Deters wurden zusammen eingeschult und wenn stimmt, was sie sagen, wollten sie damals schon eine Rockband gründen. Peter Bolmer stieß in der Pubertät hinzu und bohrte seine Gitarre gleich in die Zimmerdecke des Drummers. Es folgten diverse Band-Projekte, die alle wieder zerfielen, aber als Kern blieb das Trio übrig. Dass Bolmer und Krüssel nun abwechselnd Bass spielen, hat mit dieser Schrumpfung zutun.

Als die Jugendfreunde nach Berlin gingen, war Rockmusik hier nicht sonderlich beliebt. Es dominierten House-Beats und elektronische Tüfteleien, verzerrte E-Gitarren hatten etwas kunstvoll Illustratives; in der Stadt, die ihre Grenze verloren hatte, waren überall Grenzgänger unterwegs. Punkrock galt da als Zeichen provinzieller Rückständigkeit. Das ändert sich jetzt. Elke steht für ein Lebensgefühl, das sich mit dem demonstrativen Kraftmangel der urbanen Bohème nicht abgibt. Immerhin haben sie die Ramones im Keller.

Elke, „Wir müssen hier raus“ erscheint am Freitag bei Labels. Die Band spielt am 20. April im Postbahnhof.

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