Kultur : Einstürzende Blaupausen

Bei der Eröffnung des deutschen Kulturjahres in Moskau macht Botschafter von Ploetz keine gute Figur

Jens Mühling

Mit Kulturbegegnungen ist es so eine Sache: Der eine legt vor, der andere muss nachziehen. Für den kürzlich beendeten ersten Teil des großen deutsch-russischen Kulturaustauschs haben sich beide Seiten mächtig ins Zeug gelegt. Als nun am Dienstag in Moskau die zweite Begegnungsrunde eröffnet wurde, war das der deutschen Seite offenbar nicht einmal die Entsendung eines Repräsentanten wert. Stattdessen verließ man sich auf den Moskauer Botschafter Hans-Friedrich von Ploetz – und war damit schlecht beraten. Denn von Ploetz zieht eine gewagte Bilanz des russischen Auftritts in Deutschland: Eine Umfrage habe ergeben, dass die Namen Dostojewskij, Gogol, Tolstoi inzwischen jedem gebildeten Deutschen ein Begriff seien.

Was die Fortsetzung der Veranstaltung in Russland angeht, will der Diplomat besonders die Offenheit des deutschen Kulturbegriffs betont wissen: Auf dem Programm stünden deshalb auch „Auftritte deutscher Disc-Jockeys“. Der Reigen der Peinlichkeiten kulminiert in einem halsbrecherischen Wortspiel: Offenbar mit Verweis auf das Moskauer Schwimmbad-Unglück stellt von Ploetz die rhetorische Frage, ob denn wohl manche deutsche Rockband bei der Wahl ihres Namens so glücklich verfahren sei – so wie die kürzlich in Moskau aufgetretene Gruppe „Einstürzende Gebäude“. Der russische Dolmetscher korrigiert den Bandnamen beim Übersetzen diskret.

Nun wäre das Ganze halb so schlimm gewesen, wenn von Ploetz nicht auf russischer Seite mit Kulturminister Michail Schwydkoj ein brillanter, witziger und vor allem kompetenter Kulturpolitiker gegenüberstehen würde. Selbst kritischen Nachfragen zum Thema Beutekunst weiß dieser mit sibyllinischem Humor zu begegnen: Er selbst halte gute zwischenstaatliche Beziehungen für wertvoller als alle Kunstschätze der Welt. Nur setze eben die russische Gesetzgebung gewisse Parameter – wobei letztere bekanntlich regem Wandel unterlägen.

Damit liefert Schwydkoj vielleicht nicht die gewünschte Antwort, immerhin aber ein Musterbeispiel für das, was Kultur sein kann: nämlich das Navigieren zwischen politischen Fährnissen mit den Mitteln des Intellekts. Von Ploetz dagegen treibt den deutschen Kulturdampfer zielsicher auf jeden nahe liegenden Felsen – und bestätigte damit das russische Vorurteil über den tumben und eben auch mäßig kulturbegabten Deutschen. Wo war die Kulturstaatsministerin?

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