Kultur : Eintritt frei für Zwangsarbeiter

Mit Plakaten protestiert das Künstlerpaar Stih und Schnock gegen die Flick-Ausstellung

Ulrich Clewing

Invalidenstraße, schräg gegenüber vom Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof: Seit letztem Wochenende hängen dort zwei Plakate, auf denen seltsame, auf den ersten Blick etwas kryptische Botschaften zu lesen sind. Auf dem einen steht: „Wir fordern: Freier Eintritt für ehemalige ZwangsarbeiterInnen!“ Auf dem anderen: „Steuerflüchtlinge, zeigt eure Schätze!“

„Das hat unseren Anwälten sehr große Bauchschmerzen bereitet“, erzählt Renata Stih. Bauchschmerzen? „Ja, wegen der Unterlassungsklagen.“ Unterlassungsklagen? Kann man die Geschichte einmal von Anfang an hören?

Man kann. Im Januar 2003 lud die Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Hamburger Bahnhof zu einer Pressekonferenz, an der nicht nur ihr Präsident Klaus- Dieter Lehmann und der Generaldirektor der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, teilnahmen, sondern auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und die frisch gebackene Staatsministerin für Kultur und Medien, Christina Weiss. Anlass war die feierliche Unterzeichnung eines Leihvertrages, der mit dem in der Schweiz lebenden Kunstsammler Friedrich Christian Flick ausgehandelt worden war. Darin wurde festgeschrieben, dass Flick seine umfangreiche Kollektion zeitgenössischer Kunst für sieben Jahre in Berlin zeigen werde und für den 7,5 Millionen Euro teuren Umbau der Rieck-Hallen neben dem Hamburger Bahnhof aufkomme. Im Gegenzug dafür sollten die Staatlichen Museen die laufenden Kosten zahlen.

„Als wir das mitbekommen haben“, sagt Renata Stih, „war uns klar, da muss man etwas tun.“ Dass das so ganz ohne Diskussion abläuft, so Stih, „das ist doch undemokratisch“. Ein Wort, das man öfter hört in diesen Tagen, wenn man sich mit den Künstlern Renata Stih und Frieder Schnock über ihr jüngstes Projekt unterhält: „undemokratisch“. Von Moral ist auch oft die Rede und von ihrem Gegenteil, der Unmoral. Und davon, was geht und was nicht geht. Wobei das, was nicht geht, das, was geht, deutlich überwiegt, anders kann man das nicht sagen.

Stih und Schnock sind in Berlin keine Unbekannten. Stih unterrichtet an der Technischen Fachhochschule Interdisziplinäre Kunst und Technologie sowie Film- und Mediengeschichte, auch der promovierte Kunsthistoriker Frieder Schnock hat Lehraufträge. Bekannt wurden beide vor elf Jahren durch ein gemeinsames Kunstprojekt in Schöneberg, wo sie als Erinnerung an die Judenvertreibung und den Holocaust an Straßenschildern kleine Zusatzschilder anbringen ließen mit Zitaten aus den Nürnberger Rassegesetzen und Auszügen der NS-Verordnungen gegen Juden.

Damals war das ein Skandal. Besorgte Bürger deuteten die Aktion als Propaganda von Neonazis und schalteten den Staatsschutz ein, der die Schilder prompt abmontierte. Nach verschiedenen Interventionen und Erklärungen wurden die Plaketten schließlich wieder an den ursprünglichen Orten befestigt. Seitdem scheiden sich daran die Geister: Während die einen das Projekt als besonders gelungenen Umgang mit der NS-Vergangenheit loben, stößt die Arbeit bei anderen auf vehemente Ablehnung. Gerade unter Überlebenden des Nazi-Regimes gibt es etliche, die es nicht ertragen können, auf Schritt und Tritt mit den Perversionen der Zeit nach 1933 konfrontiert zu werden, und sei es in künstlerischer Brechung.

Auch am Wettbewerb für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas haben sich die beiden beteiligt, und auch da haben sie mit ihrem Entwurf „Bus Stop“ – ein Shuttleservice zu den KZ-Gedenkstätten im Berliner Umland – viel Aufsehen erregt und Zuspruch erfahren. Und nun also die Flick-Geschichte, oder – wie Renata Stih es formuliert – der „Flick-Komplex“.

Wenn Stih davon erzählt an einem sonnigen Sonntagmittag im gediegenen Café Einstein, dann unternimmt sie kaum Anstrengungen, ihre Empörung zu verhehlen: Der schwerreiche Enkel eines noch viel reicheren Industriellen, der mit den Nazis paktierte, der während des Krieges in seinen Fabriken tausende von Zwangsarbeitern ausbeutete, der deshalb als Kriegsverbrecher verurteilt worden war und bald darauf vom US-Kommissar McCloy wieder begnadigt wurde. Der danach in der jungen Bundesrepublik zum mehrfachen Milliardär aufstieg – dass dieser Enkel des Großvaters Friedrich Flick vor drei Jahren nicht in den Zwangsarbeiterfonds der deutschen Industrie einzahlen wollte, jetzt aber mit seinem Geld und mit Hilfe des Steuerzahlers so tut, als beträfe ihn das Ganze bloß peripher, und einfach seine exquisite Kunstsammlung präsentieren möchte: Das alles finden Renata Stih und Frieder Schnock schlicht „unfassbar“.

Deshalb haben sie die Plakate vor dem Hamburger Bahnhof geklebt und zusammen mit der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst die schwer polemische, aber auch lesenswerte Broschüre „Die Kunst des Sammelns“ produziert. Und trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass hier die Dinge ein bisschen außer Rand und Band geraten sind.

Vielleicht liegt es an den vielen kleinen Ungenauigkeiten in ihrer Argumentation, die in der Summe eine große Ungenauigkeit ergeben. Wie war das mit dem Steuerflüchtling und den Unterlassungsklagen? „Natürlich ist Flick juristisch kein Steuerflüchtling, er hat seinen ersten Wohnsitz ja in der Schweiz“, sagt Stih, „aber moralisch gesehen ist er es.“

Doch womöglich resultiert das Unbehagen, das einfach nicht verschwinden will, wenn man sich mit Stih und Schnock über den „Flick-Komplex“ unterhält, auch daraus, dass die zwei ein wenig zu oft die Wendung „verstehen sie?“ gebrauchen. A-propos: Haben die beiden eigentlich irgendwann einmal mit ehemaligen Zwangsarbeitern gesprochen, deren Stimme sie erheben? „Nö“, anwortet Stih ein wenig erstaunt. Warum auch? Ist doch eh alles klar. Oder?

Am 25.9. diskutieren Renata Stih und Frieder Schnock um 19 Uhr in der Akademie der Künste am Hanseatenweg 10 mit dem Plakatkünstler Klaus Staeck und Robert Kudielka von der AdK (Eintritt 5 €).

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