Kultur : Ekstasen

Jürgen Wasim Frembgen über Sufimusik in Pakistan.

Simone Falk

Ein persönlicher Bericht aus Pakistan, dem „Kernland der islamischen Mystik“. In fünf Kapiteln reist der Münchner Ethnologe und Religionswissenschaftler Frembgen von der Salt Range im Pandschab bis nach Bhit Schah im Sindh. Seine „Suche nach dem Wahren und Authentischen“ führt ihn von kleinen Ghasal-Konzerten in privaten Musikzimmern bis zu großen Festveranstaltungen am Fuß von Heiligengräbern. „Nachtmusik im Land der Sufis“ nimmt den Leser mit in die Welt der Fakire, Derwische und Hidschra, der Angehörigen des „dritten Geschlechts“.

Frembgen liefert Einblicke in den Sufi-Islam, wenn er sich gemeinsam mit Hunderten von Pilgern zum Schrein von Baba Farid, dem großen Sufi-Meister, begibt und an einem Qawwali-Konzert teilnimmt. Er lauscht den Klängen von Harmonium, Trommeln und Händeklatschen, bis die Verse des Sängers und des Chores ihn und die anderen Zuhörer in „eine Stimmung der Verzückung und völligen Selbstvergessenheit“ versetzen. Er beobachtet Derwische in Lahore, die sich in Ekstase tanzen, und er beschreibt die Sogwirkung von Ragas.

Dieses „musikalische Erinnerungsarchiv“ aus den Jahren 1996 bis 2011 liest sich nicht wie ein wissenschaftlicher Bericht; es ähnelt vielmehr einer Art Reisemärchen, jeder Abschnitt führt tiefer in eine Welt, in der auf der Straße ambulante Ohrenreiniger ihre Dienste anbieten. Doch auch Bomben- und Brandanschläge auf Konzerte und Musikläden gehören zum Alltag; selbst bei Zusammenkünften in den Hinterhöfen Lahores stehen bewaffnete Polizisten Wache. Es sind die Taliban und radikale Muslime sowohl sunnitischen als auch schiitischen Glaubens, die den Sufi-Islam zu ihrem Feind erklärt haben.

Frembgen wird Zeuge eines Rückgangs dieser Traditionen, der nicht nur der Bedrohung durch den strenggläubigen Islam zuzuschreiben ist, sondern auch dem unaufhaltsamen Sturz Pakistans in die Moderne.

Takias, die traditionellen musikalischen Begegnungsstätten, müssen den Shopping Malls weichen, und die „Liebessehnsucht“, Bestandteil und Voraussetzung vieler poetischer Lieder, wird von Handy und Internet konterkariert.

Doch trotz dieser Entwicklungen bleibt die Faszination dieser musikalischen Tradition bestehen, und Frembgen vermag es, auch Leser, die ein westliches Hören gewohnt sind, in Bann zu ziehen. Jürgen Wasim Frembgen entzündet bei ihnen eine einzigartige Neugier, und er versäumt es nicht, ausführliche Hörempfehlungen zu geben, die teilweise über ein kostenloses Online-Musikarchiv abrufbar sind. Simone Falk

Jürgen Wasim Frembgen:

Nachtmusik

im Land der Sufis.

Unerhörtes Pakistan. Waldgut Verlag, CH-Frauenfeld 2011. 175 Seiten, 16 €.

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