Kultur : Elba Ramalho: Zucker im Hut: Die brasilianische Sängerin im Tempodrom am Ostbahnhof

Oliver Heilwagen

Auf die Bühne stapft eine Gestalt, die unter ihrem Federschmuck aus Kopfputz, Häuptlingsstab und Lendenschurz fast verschwindet: Diese Verkleidung aus dem Völkerkundemuseum reißt sich Elba Ramalho zwar schon nach dem ersten Song vom Leibe, um ein paillettenbesetztes Nichts von Kostüm zu entblößen. Doch die Geste ist überdeutlich: Elbas Erfolg ist ihre Verwurzelung in der musikalischen Tradition ihres Heimatstaates Paraiba. Aus dem armen Nordosten Brasiliens kommt der Forró. Dieser einst als Gedudel für Hausmädchen und Taxifahrer verschriene Sound mit seinen treibenden Rhythmen und eingängigen Akkordeon-Melodien hat in den letzten Jahren das ganze Land erobert und Elba berühmt gemacht. Sie ist die Rock-Röhre unter den brasilianischen Show-Stars. Wie bei ihrem Auftritt im Tempodrom am Ostbahnhof (bis Samstag täglich um 21 Uhr 30, am Sonntag um 16 Uhr) ihre Stimme die Oktaven rauf- und runterklettert, während sie selbst wie ein Derwisch über die Bühne fegt, erinnert den Besucher ein wenig an Gianna Nannini. Offenbar hat sie genügend Kondition, um zwischendurch mit Partnern aus dem Publikum rasante Tanzeinlagen aufs Parkett zu legen. Dazu spielt ihre fünfköpfige Band einen wüsten Stilmix aus Eigenkompositionen und Klassikern der Legenden Caetano Veloso und Gilberto Gil. Die kann Ramalhos Fangemeinde in Berlin auswendig mitsingen: Solche Konzerte wirken am besten in einem ausverkauften Fußballstadion. Wenn im Tempodrom zur allgemeinen Massenekstase noch ein Quentchen fehlt, liegt das weniger daran, dass ein aschblonder Rauschgoldengel wie Elba hierzulande nicht gerade als Symbol für brasilianischen Sex-Appeal steht, sondern eher an der planvoll herbeigeführten Antiklimax. Ausflüge ihres Repertoires in Reggae und Schweinerockgefilde lassen die Zuhörer etwas ratlos dreinblicken; ihr Intermezzo als Sheryl Crow an der halbakustischen Gitarre verwirrt sie vollends. Dennoch: Prima Party!

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