Kultur : Elefantenhochzeit

Bertelsmann will die Buchverlage der Axel Springer AG kaufen

Jörg Plath

Seit längerem pfeifen es die Spatzen von den Dächern. Inzwischen scheint, auch wenn sich die Konzerne noch in Schweigen hüllen, die Entscheidung gefallen zu sein: Bertelsmann/Random House wird voraussichtlich die Verlagsgruppe Ullstein Heyne List von Axel Springer erwerben: Der Marktführer für populäre Unterhaltung und Sachbuch sowie Taschenbuch (Goldmann, Blessing, Goldmann, Berlin, Knaus und Siedler) kauft den Branchendritten. Weit abgeschlagen folgte hinter dem entstehenden Riesen (mit rund 400 Millionen Euro Umsatz) die Verlagsgruppe Holtzbrinck, die mit S.Fischer, Rowohlt, Droemer-Weltbild, Kindler und Kiepenheuer & Witsch gut die Hälfte umsetzen dürfte. Solch eine Elefantenhochzeit hat der mittelständische Buchhandel noch nicht gesehen.

Ein Traumpartner sind die Axel Springer Verlage (ASV) für Bertelsmann nicht. Die Gütersloher hatten noch vor Monaten abgewunken, machten die ASV doch 2001 bei einem Umsatz von 167 MillionenEuro 46 Millionen EuroVerlust. Dank Dieter Bohlens Memoiren und anderen Bestsellern stieg der Umsatz im letzten Jahr zwar um 20 Prozent, doch rot sind die Zahlen weiterhin.

Muntere Wechselspiele

Dafür ist Christian Strasser verantwortlich, der in Hamburg Buchhändler lernte, bei Hugendubel arbeitete und in den USA Vize-Präsident von „Time Life“ wurde. Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik Anfang der neunziger Jahre kaufte der Selfmademan die Verlage List, Classen und Econ. Längere Zeit suchte Strasser dann für sein wackeliges Münchner Verlagshaus Goethestraße, das mit Monika Lewinsky und Oskar Lafontaine Aufsehen erregte, einen Käufer und fand ihn schließlich in der Axel Springer AG. In der Berliner Kochstraße wollte man endlich dem ewigen Konkurrenten Bertelsmann Paroli bieten sowie Ullstein und Propyläen vom Ruf eines Sammelbeckens nationalkonservativer Autoren befreien. Strasser wurde verlegerischer Geschäftsführer der ASV, die 1999 bis auf eine Berliner Außenstelle nach München zog und 2001 um den Heyne Verlag erweitert wurde.

Als ab 2001 alle Zeitungsverlage tief in die roten Zahlen rutschten und der Buchhandel zugleich Umsatzrückgänge meldete, hieß allerorten die Devise: Kostensenkung und Beschränkung auf Kernkompetenz. Seither bietet die „FAZ“ die DVA-Gruppe an, möchte die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Fachinformationen abstoßen, Bertelsmann und Holtzbrinck ihre wissenschaftlichen Verlage; die Schulbuchverlage wechselten schon von Holtzbrinck zu Westermann.

Springer gab seine Verkaufspläne erst am 18. Dezember vergangenen Jahres zu, hatte Strasser aber schon im Herbst einen kaufmännischen Geschäftsführer vor die Nase gesetzt, der die Geschäfte offenbar weniger führen als beenden sollte. Nun zeigt sich Springer merklich verschnupft, dass Bertelsmann-Vorstand Gunter Thielen im letzten „Spiegel“ über die Gespräche plauderte. Kommt es zu dem Kauf, verfügt Bertelsmann über elf Prozent Marktanteil. Nicht viel? Bei der populären Unterhaltung und den Sachbüchern dürfte der Marktanteil nicht weit unter 30 Prozent liegen, bei Taschenbüchern (Goldmann, BTB, Heyne) deutlich darüber.

Ein Kauf ist noch keine Strategie. Besitzt Bertelsmann sie? Immerhin überschneiden sich die Programme der eigenen und der ASV deutlich, und auch Gütersloh leidet unter der Medienkrise. Das Branchenorgan „buchreport“ meldete für das dritte Quartal 2002 bei Random House International einen Verlust von 69 Millionen Euro. Die US-Direktorin Ann Godoff musste gehen. Bertelsmann ist auf dem deutschen Markt bei Bestsellern deutlich weniger präsent als die defizitäre Strasser-Gruppe. Um ihren hohen Schuldenstand von 3,4 Milliarden Euro abzubauen, sollen die profitablen wissenschaftlichen Verlage verkauft werden. Um so planloser wäre der Zukauf.

Letztlich liegt die Entscheidung beim Kartellamt. Wird es die Fusion wegen einer marktbeherrschenden Stellung ablehnen? Oder ihr vielmehr zustimmen, um die unter der Krise stöhnenden Konzerne zu stabilisieren? Denkbar ist, dass eine Genehmigung des Kartellamts Signalwirkung haben und eine Konzentrationswelle im Verlagswesen auslösen könnte. Zudem könnten anspruchsvolle Häuser wie Siedler oder der Berlin Verlag im Konzert der Bertelsmann-Verlage unter verstärkten Druck geraten, höhere Renditen zu erwirtschaften.

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