Kultur : Elefantenrennen: Das Lied der Wildnis (Glosse)

Thomas Lackmann

Die Szene ist dekadent. Auf der Tribüne tummeln sich seidenbehütete Dickhäuterdamen und Rüsselherren mit Opernglas. Da drängt eine Menschenschutzgruppe auf die Rennbahn Hoppegarten: Aktivisten, deren Herz unter lederner Epidermis für den bedrohten homo sapiens schlägt, tragen Transparente: "Keine Ausbeutung galoppierender Zweibeiner!" - "Menschenrennen = Tierverachtung!" "Erst stirbt die Frau und dann die Kuh!" -"Was ein schneller Bulle kann, schafft noch lange nicht der Mann!" Ein Rennbahn-Sprecher stellt sich der grau-flaumigen Reporterin. "Wie wollen Sie durchgedrehte Rennmenschlein wieder beruhigen?" Der PR-Profi schlackert mit großen Ohren. "Bisschen Laufen tut denen gut", grinst er, "und sie schreien doch dabei so vergnügt ..."

Können Mensch und Elefant einander irgendwie verstehen? Der Diskurs zur artgerechten Jumbo-Haltung schlägt derzeit Wogen in Berlin: Am 16. Juli sollen in Hoppegarten Elefanten als Rennmäuse missbraucht werden. Ist das pervers? Wie versteht man Elefanten? Wie verstehen sie sich selbst? Feuilletonredakteure, dem Riesensäuger in der Urtümlichkeit ihrer Gedanken nicht unähnlich, begreifen diesen Fragenkomplex über ganz eigene Zugänge. Der eine zitiert den "Dschungelbuch"-Marsch "Wenn die Frühpatrouille naht", der andere den Kanon "Was müssen das für Bäume sein / wo die großen / Eléfanten spazieren gehn"; ein weiterer erwähnt Indiens Elefantengott, den Patron der Journalisten, dessen abgebrochener Stoßzahn (Quälerei?) als Griffel dient; ein vierter gibt Trompeten-Proben seines Tierstimmen-Repertoires. Doch zum erhellenden Ganzen fügt die empirische Summe sich nicht. Den erleuchtenden Hinweis des Tages bringt das Magazin "New Scientist", dessen Forscher in Kenia herausfanden, dass der Elefant gut bekannte Artgenossen nach Jahren noch an deren speziellem Ruf identifiziert und denselben bereits von fern beantwortet. Demnach erschließen sich erst über die Sprache der Liebe Identität und Sozialverhalten des Tieres, über sein Lied der Wildnis! - und eben nicht vom Podest des leitartikelnden Elefantophilen herab, sondern quasi: auf Augenhöhe. Gewiss konnte auch nur aus solch einfühlendem Verständnis heraus seinerzeit Herbert Achternbuschs schönster E.-Witz entstehen, der da lautet: "Setzt Elefant sich auf Frosch. Dem quellen die Augen raus. Sagt der Elefant: Gell, da schaust?!" Lernen dürfen wir daraus: 1) Selbst für Elefanten ist es wichtig, sich zu spüren. 2) Der Elefant hat Humor. 3) Seien Sie kein Frosch, setzen Sie sich durch. - Wann übrigens hatten Sie Ihre letzte Gehaltserhöhung?

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