Element of Crime im Lido : In der Grauzone zum Gutbürgerlichen

Immer wieder gleich, immer wieder schön, immer wieder gleich schön: Wenn Element of Crime Musik machen, bringt das Fans verlässlich Freude. Dass sie nun auch noch familien- und arbeitnehmerfreundlich zur Primetime auftreten - umso besser!

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Ausgeschlafen: Sven Regener, hier 2011 in der O2-World, tritt jetzt auch schonmal um 19 Uhr in kleinen Clubs auf.
Ausgeschlafen: Sven Regener, hier 2011 in der O2-World, tritt jetzt auch schonmal um 19 Uhr in kleinen Clubs auf.Foto: dpa

Nein, cool ist das hier nicht. Auch nicht innovativ oder sonstwie interessant – und das, was eine selbstironische Brechung dieses für ein Kulturereignis bedenklichen Zustands sein könnte, lässt sich mit der Saturiertheit eines wohlgenährten Mitfünfzigers auch nicht glaubhaft off-kulturell rüberbringen. Schon gar nicht im Kreuzberger Lido, wo dieser Tage statt Underground-Bands an sechs aufeinanderfolgenden ausverkauften Abenden Element of Crime spielen.

Wie deren Sänger Sven Regener da am Sonntag um 19.06 Uhr die Bühne betritt, um den Support-Act anzukündigen, und dabei darüber witzelt, dass man auf der „Wir hängen tagsüber ab und spielen abends in Clubs“-Tour ja nun die „Grauzone zwischen bizarr und grotesk“ betreten habe, da hat das genau das Hihi-Witzige, das der Titel befürchten lässt: Hihi, wir sind schon älter, aber immer noch Rock’n’Roll, das sieht man daran, dass wir den Mut zu etwas derart Un-Rockigem haben wie ein Rockkonzert, das schon um 19 Uhr beginnt. Hihi.

Regeners Attitüde des rotzigen, immer zu druckvoll sprechenden Nordlichts mit 80er-Jahre-Kreuzberg-Hintergrund ist in die Jahre gekommen und atmet unverhohlen Babyboomer-Bräsigkeit. So sieht man aus, wenn man, allzeit umgeben von einer Kohorte Bewunderer, irgendwann aufgehört hat, sich musikalisch, textlich, weltanschaulich weiterzuentwickeln.

Aber verdammt: Es ist so gut. Da ist Regener, der als Sänger und Songschreiber seit je sein sonstiges Zu-viel-Wollen zugunsten einer perfekt zwischen Gemütsruhe und Gemütsschwere austarierten Lakonie abzulegen versteht. Und da ist diese Band, die ganz wenig macht – und alles richtig. Das alles nun einem Publikum vorzuführen, das dafür nicht bis in die Nacht warten musste, das kann man als Ranschmeiße an eine qua Job und Kinder verbürgerlichte Fanszene verdammen. Oder sich darüber freuen, wie herrlich das Leben ist, an einem Sonntag im April auf einem Konzert, das neben einem Streifzug durch die Bandgeschichte auch ein paar gut platzierte Coverüberraschungen mit sich bringt: Wie etwa auf eine beinahe düstere Version des Alexandra-Schlagers „Akkordeon“ mit dem eigenen „Still wird das Echo sein“ vom 2005er-Album „Mittelpunkt der Welt“ der vielleicht schönste Abgesang auf eine verflossene Liebe folgt, da lässt es sich nur wohlig seufzen.

Mehr gibt es dazu auch nicht zu sagen: Man kann stattdessen tüchtig melancholisch sein. Oder sich fragen, ob es gut ist, wenn Musik alle mit allem versöhnt. Oder ob die den Alt-Punk nicht eher gegen die Bionade-Mutti aufbringen sollte. Um 21.30 Uhr ist alles vorbei, das letzte Lied – „Bring den Vorschlaghammer mit“ – könnte nicht besser gewählt sein für einen Abend, der das Gegenteil einer wilden Trümmerparty ist. Die Nacht ist jung, es gibt schicke Bars im Umkreis.

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