Element of Crime in der Zitadelle Spandau : Immer noch Liebe in uns

Sven Regener erwähnt die Weltpolitik mit keinem Wort. Und doch schwingt sie an diesem Samstagabend irgendwie mit, als eine von vielen untergründigen Verletztheiten.

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Strahlermann. Sven Regener, Sänger der Band Element of Crime, hier bei einem Auftritt von Element of Crime 2015 im Tempodrom. Foto: dpa
Strahlermann. Sven Regener, Sänger der Band Element of Crime, hier bei einem Auftritt von Element of Crime 2015 im Tempodrom.Foto: dpa

Trost braucht’s. Trost gibt’s. Vielleicht gerade deshalb, weil Sven Regener beim Auftritt seiner Band Element of Crime in der Zitadelle Spandau mit keinem Wort auf die Weltpolitik der letzten Tage eingeht. Dadurch kann sie immer wieder ganz leise präsent sein, wie gleich im ersten Lied: „Wo ist der Gott, der uns liebt, ist der Mensch, der uns traut, ist die Flasche, die uns wärmt, wenn der Morgen graut?“ Berechtigte Fragen am Ende eines Tages, der mit verstörenden Nachrichten begonnen hat.

Zum Glück ist jetzt Abend und sind da vorne Musiker, die unsere Sorgen und Unruhe auf ihre Schultern nehmen. Wir, das ist ein angenehm heterogenes Konzertpublikum. Auf die Frage, warum man Element of Crime noch Aufmerksamkeit widmen sollte, die Band klinge doch „seit Ewigkeiten immer gleich“, kann man antworten: allein, um dieses Publikum zu beobachten.

So lässt sich das Alter eines Songs vor allem daran ablesen, ob gerade die 50-, 40-, 30- oder 20-Jährigen voll dabei sind und die jeweils anderen ein bisschen plaudern. Wobei, nein, so stimmt das nicht ganz: Es gibt auch in diesem Meer ähnlich guter, aber niemals einander zu ähnlicher Songs herausragende, weil bei allen beliebte. Das sind – und das ist eine Leistung, auf die selbst international renommierte Rentnerbands wie die Rolling Stones neidisch sein können – sehr eindeutig nicht nur die Hits der frühen („Mehr als sie erlaubt“, „An Land“) und mittleren Jahre („Bring den Vorschlaghammer mit“, „Delmenhorst“), sondern vor fast allen anderen die vom 2009er-Album „Immer da, wo du bist, bin ich nie“, namentlich der Titelsong und die grandiose Spielplatzszene „Am Ende denk ich immer nur an dich“.

Und selbst das Neuste vom Neuen stört nicht, im Gegenteil: „Immer noch Liebe in mir“, der einzig zuvor unveröffentlichte Song von der 2016er-EP „Wenn der Wolf schläft, müssen alle Schafe ruhen“, ist prachtvoll. Auch die Lieder aus dem jüngsten Album, dem Tour-Namensgeber „Lieblingsfarben und Tiere“ von 2014, fügen sich ein wie behutsam ausgesuchte Neuzugänge in eine eingespielte Mannschaft. Das Trompetenriff des betulich vor sich hin wippenden Titelstücks eignet sich am Ende perfekt, es – Dadadadadatdada – immer weiter in die blaue Stunde zu trällern, nachdem die Band die Bühne längst verlassen hat.

Romantik!

In der ersten Zugabe spielt die gleich zu Beginn „Weißes Papier“, was auch insofern schön ist, als danach alle, die sonst bei jedem Element-of-Crime-Konzert vor jedem Lied „Weißes Papier!“ rufen, für heute den Schnabel halten. Spätestens ab hier ist dieser Abend, an dem noch die gelegentlichen Coversongs zwischen Blues (Blind Willie Johnson) und Schlager (Alexandra) und die Aufstockung der Kernband um Akkordeon und Saxofon/Klarinette erwähnenswert sind, ein störungsfrei beseelter. Auch dank Sondergenehmigung hat er drei Zugaben und mit dem uralten „Vier Stunden vor Elbe 1“ einen sehr späten, sehr norddeutschen und sehr romantischen Höhepunkt.

Am Ende wird noch einmal der Support, die Berliner Band „Die Höchste Eisenbahn“ (lobende Erwähnung!), auf die Bühne geholt. Gemeinsam schrammelt man John Lennons „Across the Universe“. Das fällt zwar musikalisch und tontechnisch ab gegenüber den Auftritten beider Bands zuvor, doch wie Regener und Kollegen am Ende ewig „Nothing’s gonna change my world“ wiederholen, diese Hypnose hat etwas auf gute Weise Trotziges, etwas von dem Geist, der die Bandepochen Element of Crimes überdauert und zu einem großartigen Ganzen gefügt hat. Diese demonstrativ bärbeißige Unverrückbarkeit, die die Verletzlichkeit und Verletztheit darunter nicht kaschiert, sondern zu einem Teil der Pose machen will: Sie passt, wenn auch vordergründig unpolitisch, in diese verstörenden Zeiten. Als etwas ungemein Trostreiches.

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