Kultur : Elementarteilchen

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Ein nackter Fuß im Großformat, wie zur Pirouette auf die Zehen gestellt. Die helle Haut an der Unterseite wirkt verletzlich. Darüber streckt sich, auf einem zweiten Bild, eine Ferse dem Betrachter entgegen. Im Zusammenspiel wachsen beide Posen zu einer neuen Form zusammen – zur Skulptur. Die Fotos von Hannah Villiger sind das zweidimensionale Material einer Bildhauerin.

Die Arbeiten von Hannah Villiger (1951-1997) bestehen aus fragmentarischen Aufnahmen von ineinander verschränkten Armen, Beinen, Brustwarzen, übereinandergeschlagenen Knien. Stets ist es ihr eigener Körper, den sie als Vorlage nutzt. Die fotografischen Ausschnitte der Körperpartien fügte die Künstlerin meist in mehrteiligen Ensembles zu „Blöcken“ zusammen. Die Polaroid-Skulpturen wurden auf dünne Aluminiumplatten gezogen und mit Nägeln an die Wand geklemmt: Weiter kann man sich von der gewohnten Vorstellung einer „Skulptur“ kaum entfernen. Das Polaroidfoto diente der Künstlerin nur als Arbeitsmaterial. Wie bei einer gewöhnlichen Skulptur findet zunächst ein Modellierungsprozess statt: Villiger rückt die vergrößerten Aufnahmen für den Betrachter in Position. Mal verfremdet sie den Blick, indem sie eine Aufnahme umgekehrt aufhängt, mal lässt sie die am Bildrand abrupt unterbrochenen Linien eines Bildes auf einem zweiten fortlaufen.

Unwillkürlich versucht der Besucher, die Eindrücke zu einem Gesamtbild der Künstlerin zusammenzufügen. Doch es will nicht gelingen. Hier ein Knie, dort ein Bein, hier eine Schulter, dort ein Schlüsselbein. Die Kamera weicht nie weit genug vom Körper, um größere Abschnitte einzufangen. Automatisch konzentriert sich die Suche auf die Gesichtspartien, vor allem auf die Augen. Die Künstlerin weicht diesem Blick aus. In der sezierenden Darstellung sind Körperpartien nicht mehr eindeutig zu bestimmen, sie sind verfremdet durch Nähe und ungewohnte Perspektiven: ein Unterarm, der sich um zwei angewinkelte Beine legt, eine Hand, die einen Fuß wie zum „Handschlag“ umfasst. Mehr noch als die Form lässt die unterschiedliche Beschaffenheit der Haut, die Sommersprossen und Falten Rückschlüsse auf die fotografierte Körperstelle zu. Die 24 gezeigten Bilder sind auf ihre Weise unaufdringlich und präsentieren keineswegs – wie man vermuten könnte – eine narzisstisch-exhibitionistische Selbstbeschau. Sie sind diskrete, sehr intime Erkundungen des eigenen Körpers. Für ihre Arbeit hat sich die Künstlerin in geschlossene Räume zurückgezogen. Die Kamera behielt sie dabei stets in der Hand, der ausgestreckte Arm bestimmte den maximalen Radius, innerhalb dessen die Fotos entstanden. Das „dritte Auge“ sieht mehr als Villiger selbst: Einmal hockt sie auf dem Boden und lässt die Kamera über die Schulter den Rücken hinab schauen bis auf die Fußsohlen. – Beim Verlassen der Ausstellungshalle kommt der Besucher wieder am Eingang vorbei. Hier hängt, großformatig, eine der wenigen Aufnahmen, die das Gesicht der Künstlerin zeigen. Nasse Strähnen verdecken nur teilweise Stirn und Wangen; anders als auf den Fotoskulpturen sind hier sogar die Augen erkennbar. In diesem Augenblick, in dem man der Künstlerin Auge in Auge gegenübersteht, fühlt man sich zum ersten Mal als Voyeur. Dorte Huneke

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, bis 4. August, täglich 12-18.30 Uhr. Katalog 49 Euro.

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