Kultur : Elin liebt Agnes

„Raus aus Amal“: ein Comic-Drama am Grips

Christine Wahl

Der junge Mann mit der Zopffrisur steht vor einer Herausforderung. Er hat sich in die Kleinstadtschönste verliebt und will heute auf der Party die Initiative ergreifen. Deshalb spielt er sämtliche Trümpfe der klassischen Anmache durch. Zuletzt schwankt er zwischen „Hey, Elin, ich hab’ meine Telefonnummer verloren, kann ich deine haben?“ und Kniefall mit Günderode-Lyrik. Der Schauspieler Jens Mondalski macht aus der Szene eine Slapstick-Nummer. Nützen wird es ihm wenig. Elin hat sich in Agnes verliebt, eine bockige Außenseiterin, die weder mit den Backstreet Boys noch mit den Jungs in ihrem schwedischen Provinz-Gymnasium etwas anfangen kann. Auch, wenn sie es noch nicht weiß.

Mit „Raus aus Amal“ erzählt das Grips Theater die Geschichte eines lesbischen Coming-outs für Jugendliche ab 15 Jahren. Das Stück basiert auf Lukas Moodyssons großartigem Film „Fucking Amal“. Wenn sich die Jungs dort in ihren Ringel-Shirts für ein Mädchen interessieren, legen sie keine Supercomedy hin, sondern verkriechen sich hinter ihren Mofas. Nichts klappt, keiner weiß, wohin mit sich. Die Rollstuhlfahrerin dient sich bei den Schulschönheiten an, der KfZ-Lehrling versucht sich in Macho-Posen, und die Grüblerin, die Mädchen liebt, sitzt an ihrem Geburtstag allein mit den Eltern vor dem Party-Buffet.

Gegen den Film wirkt Ulla Theißens Inszenierung wie ein Comic. Die Handlung der deutschsprachigen Erstaufführung bleibt eng am Vorbild, die Hauptdarstellerinnen Nadine Warmuth (Elin) und Stephanie Schreiter (Agnes) nehmen sich für ihre Liebesgeschichte den nötigen Raum. Doch die Kleinstadt-Pubertät ist hier vor allem lustig, soundtechnisch veredelt wie ein H&M-Werbespot. Das Premierenpublikum scheint dieser Lesart Recht zu geben und adelt jeden Auftritt mit Applaus. Interessanter wäre ein realistischer Versuch à la Moodysson gewesen. In Schweden hatte der Film ohne Slapstick mehr Zuschauer als „Titanic“.

Grips Theater, wieder am 8.12., 18 Uhr, 9.12., 11 Uhr, 10.12., 19.30 Uhr

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