Kultur : Emanzipation aus nationalistischer Enge

WOLFGANG BENZ

Gerhard Lachmann-Mosse, 1918 in Berlin geboren, das gerade noch Hauptstadt des Kaiserreichs war, aufgewachsen in der Weimarer Republik, berühmt geworden als Historiker in der Emigration, stammt aus bedeutender deutsch-jüdischer Familie.Sein Großvater, Rudolf Mosse, hatte den Berliner Zeitungsverlag und eine europaweit tätige Annoncenexpedition gegründet.Gerhards Vater, Hans Lachmann, aus begütertem jüdischem Patriziat, hatte Felicia Mosse, die einzige Tochter des Firmengründers, geheiratet, seit 1920 leitete er das Unternehmen, in dem die "Berliner Morgenzeitung", die "Volkszeitung", das "8-Uhr-Abendblatt" erschienen, vor allem aber das einflußreiche liberale "Berliner Tageblatt".Wenn der Großvater Mosse nicht das von Bismarck offerierte Adelsprädikat ausgeschlagen hätte, wäre Gerhard, der heute George L.Mosse heißt (im middle initial lebt die Familie Lachmann fort), als Aristokrat zur Welt gekommen.

An äußerem Wohlstand mangelte es nicht, entsprechend wuchsen die Kinder Mosse auf.Im Schloß Schenkendorf in Brandenburg, dem Landsitz der Familie, verbrachte Gerhard einen großen Teil seiner Kindheit.Ein Jahr nur dauerte der Schulbesuch am Mommsen-Gymnasium in Berlin.Wegen der irregulären lateinischen Vokabeln, wegen grundsätzlicher Zweifel am Talent des Knaben und wegen unrühmlicher Zwischenfälle mit Lehrern erfolgt die weitere Ausbildung im Internat, und zwar standesgemäß in Salem am Bodensee.

Das Berlin der 20er Jahre, später verklärt als kulturelles Eldorado, ist vor allem ein Hexenkessel aus sozialen Spannungen und extremen politischen Gegensätzen.Der junge Gerhard Mosse sammelt prägende Eindrücke.Er begleitet die Mutter, die zu Beginn der Wirtschaftskreise eine Suppenküche für Arme am Nollendorfplatz einrichtet; er erlebt die Gegensätze und sozialen Spannungen aber auch, als er 14jährig von zu Hause ausreißt, um an einer Versammlung der NSDAP im Sportpalast teilzunehmen.Die Erfahrung hatte Einfluß auf den späteren Historiker, der sich mit der Fanatisierung der Massen im Zeichen nationalistischer und nationalsozialistischer Ideologie beschäftigt.Der Junge erlebt auch, daß schon ein, zwei Jahre vor Hitlers Machterhalt die Fenster des Elternhauses in der Maaßenstraße in Charlottenburg eingeworfen werden.Er beobachtet, wie Polizei die Gläubigen beim Gang zur Synagoge am jüdischen Feiertag gegen fanatisierte Antisemiten schützen muß.

Unmittelbar nach dem 30.Januar 1933 verläßt die Familie Mosse, die im Berliner Tageblatt mit Redakteuren und Autoren von Weltrang wie Theodor Wolff und Alfred Kerr das demokratische System der Weimarer Republik bis zuletzt verteidigt hat, Deutschland.Der Besitz in Deutschland - der Buch- und Musikverlag, die Zeitungen, das Reichsadressbuch - ist verloren, ebenso wie die Gemäldesammlung und die Immobilien, unter ihnen das Verlagsgebäude mit der berühmten Fassade von Erich Mendelssohn.Verloren sind auch Freunde wie Wilhelm Furtwängler, der bis 1932 Silvester mit den Mosses gefeiert hat und nach dem 30.Januar 1933 den Kontakt abbricht.

Die Familie Mosse lebt die nächsten Jahre in Frankreich.Gerhard wird in einem von Quäkern geführten Internat in England untergebracht und beginnt 1937 das Studium der englischen Geschichte an der Universität Cambridge.1939 erhalten die Eltern Visa für die Vereinigten Staaten.Das Visum des Sohns ist in einen deutschen Paß gestempelt, vom Konsulat in London ausgestellt, in dem ihm der durch NS-Gesetz vorgeschriebene Zwangsvorname Israel oktroyiert ist.In Amerika, dessen Staatsbürgerschaft er 1945 erhält, promoviert er mit einer Arbeit über ein verfassungsrechtliches Thema der frühneuzeitlichen britischen Geschichte, wird Assistant Professor und beginnt eine glanzvolle akademische Karriere, die ihn in alle Welt führt, zu Gastprofessuren in Australien und Südafrika, in München und Stanford, in Amsterdam und Paris und seit 1962 regelmäßig nach Jerusalem, wo er an der Hebrew University Lehrstuhlinhaber war.

Studien über die ideologischen Ursprünge des Dritten Reiches, über nationalsozialistische Kultur und europäischen Rassismus, über politische Symbole und Massenbewegungen begründen seinen Ruhm als Historiker.Zu seinem großen Thema gehört folgerichtig schließlich die deutsch-jüdische Geschichte seit der Aufklärung im Spannungsfeld von Nationalismus und Liberalismus; die Beschäftigung mit der jüdischen Assimilation bedeutet auch Beschäftigung mit den Wurzeln des Antisemitismus.

George Mosse ist Gelehrter und Aufklärer und gleichzeitig ein publikumsnaher Schriftsteller.Er hat Freunde in aller Welt, fühlt sich der Stadt, in der er geboren ist, ohne Sentimentalität verbunden.Der Humanist und Weltbürger Mosse steht in den Traditionen des deutschen Judentums, ist stolz darauf, daß niemand aus seiner Familie den opportunistischen Weg über die Taufe in die deutsche Gesellschaft gesucht hat, er ist einer der letzten Vertreter des klassischen deutschen Bildungsbürgertums, dessen Ideale Humanität und Toleranz sind.Die Emanzipation der Menschheit aus nationalistischer Enge gehört für George L.Mosse zu den erstrebenswerten Zielen, ideologische Fesseln hat sich der linke Liberale nie anlegen lassen, der sich immer als Antifaschist verstand und immer zu doktrinären Positionen Distanz hielt.Große Ehrungen stehen ihm ins Haus.Er feiert am 20.September seinen 80.Geburtstag, aber ein alter Mann ist er noch nicht geworden.

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