Ende einer Ära : Ab geht die Post

Was wir verlieren, wenn es Briefmarken im Supermarkt gibt. Eine kleine Reise von Schalter zu Schalter.

Christina Tilmann
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Amts-Ansichten.ullstein - ullstein bild

Postkarte, Postkutsche, Posthorn, Briefkasten, Briefträger, Briefporto, der Gasthof zur Post, der Postbahnhof, das Postfahrrad, das Postamt. Die „Christel von der Post“ und „Hoch auf dem gelben Wagen …“: eine ganze Welt in Gelb, die nach und nach verloren geht. Die gelben Telefonhäuschen verschwanden, wurden durch die magentafarbenen der Telekom abgelöst, bis das Handy auch diese gekillt hat. Das Postsparbuch, zuverlässiges Finanzmittel im Ausland aus Zeiten vor der EC- und Kreditkarte, verschwand ebenfalls, wurde durch die Postbank abgelöst. Und bald nun eben auch das Postamt.

Wenn die Deutsche Post nun ankündigt, die 475 noch verbleibenden Postämter bis 2011 zu schließen, setzt sie damit eine Tendenz fort, die seit der Privatisierung 1995 besteht. Die Deutsche Bundespost wurde damals aufgeteilt in Deutsche Post, Deutsche Telekom und Deutsche Postbank. Nun löst die Deutsche Post sich selbst auf, nach außen hin zumindest. Nicht mehr in einer Schalterhalle wird man seit einigen Jahren bedient, sondern zunehmend in einer Art erweitertem Schreibwarenladen mit Postschalter. Nur konsequent, diesen dann irgendwann ganz in den Supermarkt zu verlagern. Das nennt sich Dienstleistung und ist doch ein Identitätsverlust.

Andererseits: Was trauern wir dem Amt hinterher? Lange Schlangen, unfreundliche Schalterbeamte, und wehe den armen Rentnern, die hier monatlich um ihre Rente anstehen mussten. Der schlafende Postbeamte und die Oma am Schalter, der schon die Spinnweben um den Hut wachsen: Das hat der Cartoonist Tom in seinen Touché-Serien immer wieder liebevoll variiert.

Die Schlange als Markenzeichen. Das war beim Arbeitsamt so und beim Finanzamt und war eben oft auch die Postamt-Erfahrung. Was trauern wir ihr hinterher? Vielleicht, weil mit dem Amt auch ein Stück Stadtidentität verlorengeht? Die prächtigen Postämter, vom Volksmund Postpaläste geschimpft, die im Kaiserreich überall und vor allem auch in Berlin entstanden: Sie waren Repräsentation und Fortschritt gleichzeitig, Kommunkationszentrale und eine Landvermessung besonderer Art. Zwischen 1873 und 1910 entstanden vierhundert Postgebäude neu. Wilhelm II. forderte, dass ihm die Bauentwürfe bezüglich „Schönheit, Reinheit des Stils und Zweckmäßigkeit“ persönlich vorgelegt wurden – für das Postamt in Memel regte er an, dass der Giebel wegen der starken Seewinde doch bitte fest zu verankern sei.

Auch in Berlin hat dieser kaiserliche Repräsentationswahn seine Spuren hinterlassen, bis heute: Das Postfuhramt an der Oranienburger Straße, das Haupttelegrafenamt in der Jägerstraße, das Reichspostamt Leipziger Straße / Ecke Mauerstraße, das dann das Reichspostmuseum und heute das Museum für Telekommunikation beherbergt – selbst aus dem Museumsnamen ist die Post getilgt. Aber auch die Neue Sachlichkeit der zwanziger Jahre schuf mit den Postbauten von Robert Vorhoelzer in München Ikonen der Postarchitektur, aber auch in Berlin, etwa mit dem Postamt Charlottenburg an der Otto-Suhr-Allee.

Das Postamt als Architekturform steht neben Kaufhaus und Bahnhof, Theater, Rathaus und Schule als Marke, als Wahrzeichen einer Stadt. Noch heute bilden in jeder Kleinstadt Kirche und Rathaus, Postamt und Bahnhof die dominierende Topografie, Zentrum und Tor zur weiten Welt zugleich. Die Bahn allerdings hat gerade in Kleinstädten die schönen Bahnhöfe meist schon geschlossen, sie verwahrlosen seitdem. Reißt man etwa die Kirchen ab, weil keiner mehr kommt?

Mit der Bahn hat die Post ohnehin so einiges gemein, nicht nur in den Negativfolgen der Privatisierung. Nicht umsonst wendet sich der Volkszorn gleichermaßen gegen Post und Bahn, wenn sie ihre bewährten Qualitäten verlieren. Pünktlich, verlässlich und schnell, das war der Ruf beider Institutionen, ein weltweiter Standortvorteil, um den Deutschland beneidet wurde. Exaktheit, Korrektheit, Pünktlichkeit: Beamtentugenden. „Beim nächsten Ton ist es ein Uhr und 43 Minuten“, verkündete die Computerstimme vom Band. Die Zuverlässigkeit der Postkutschenankunft, die durch das Posthorn angekündigt wurde, ging einher mit der Vereinheitlichung der Zeitmessung, die in Haupt- und Nebenuhren angezeigt wurde. Die Bahnhofsuhr schuf mit Referenzzeiten Orientierung im Ortszeitenchaos. Die Telegrafenämter sorgen für verlässliche Taktung rund um die Welt.

Reiseunternehmen, Bank und Kommunikationsagentur: Das ist die Post seit dem Mittelalter. Lange vor Bahn und Bank vermaß sie die Welt nach Posten, sprich Anlaufstellen. Und war für den Transport mindestens so wichtig wie für die Sicherheit. Das Postgeheimnis, das ist so heilig wie das Bankgeheimnis und das Beichtgeheimnis. „Dieb ist Dieb, er sey Geld-Dieb oder Brieff-Dieb“, schrieb schon Martin Luther 1528 in seiner „Schrift von heimlichen und gestohlenen Brieffen samt einem Psalm“. Der Überfall auf die Postkutsche, das ist heute gängige Western-Folklore, und Privacy ist ein Thema fürs Internet. Das „Fräulein vom Amt“, wie es zum Beispiel Angelina Jolie zuletzt rollschuhfahrend in Clint Eastwoods „Der fremde Sohn“ verkörperte, hat seine Funktion verloren. Sie haben zu Beginn die Gesprächszeit noch mit der Sanduhr gemessen. Und wie lange schickte man Liebesbriefe noch poste restante, also postlagernd?

Maschinen indes waren schon früh am Start. Einen Briefpapierautomaten von 1927 zeigt das Berliner Kommunikationsmuseum, und einen Münzfreistempler von 1938, aber auch den klassischen Verkaufsautomaten für Briefmarkenheftchen von 1978. Beim Telefon dauerte das mit der Automatisierung etwas länger: „Hier Amt, was beliebt“, meldet sich eine Frauenstimme in Hannover immerhin bis 1966. Doch inzwischen ist, von Gebührenzähler bis Internetzugang, alles längst automatisch. Warum geht man trotzdem noch zum Schalter?

Weil das Portosystem unübersichtlich ist? Weil das Selbstfrankieren Arbeit macht? Weil ein menschlicher Kontakt immer noch angenehmer ist als eine Maschine? Nicht umsonst gab es, als die Bahn ihre Fahrkartenschalter zugunsten von Fahrkartenautomaten mit Extragebühr belegen wollte, einen Sturm der Entrüstung. Der Mensch wird automatisiert und will es nicht: Das ist das alte Lied der Rationalisierung. Die Post, gerade das Unternehmen, das von jeher für Geschwindigkeit und Rationalisierung steht, bekommt das auch zu spüren.

Fehlt nur noch, dass auch der Postbote verschwindet. Schon gab es den Versuch, die überregionale Post montags einfach liegen zu lassen. „Mein Ziel ist nicht die Goldmedaille, sondern ein Briefschlitz aus Messing“, wirbt die Post anlässlich der Leichtathletik-WM. 1970 verkündete ein Flowerpower-Plakat noch: „Ein Tag ohne uns – ein einsamer Tag“.

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