Kultur : Endstation Comeback

THOMAS W.ELLER

80er Jahre wiederbelebt - Cindy Sherman und Keith Haring in New YorkVON THOMAS W.ELLERWir leben in einer Zeit, die sich inzwischen in der soundsovielten Wiederholungsschleife befindet.Nachdem eben noch Fluxus und Konzeptkunst der 70er Jahre ihr Comeback in den Museen gefeiert haben, ist der Zug nun schon eine Station weitergefahren.In den USA werden gerade die 80er Jahre wiederbelebt.Das Museum of Modern Art in New York zeigt Cindy Sherman und das Whitney Museum of American Art Keith Haring. Langsam beginnt man sich daran zu gewöhnen, daß die 90er Jahre niemals stattgefunden haben werden, sondern eine seltsam brave Reprise hauptsächlich der 70er Jahre darstellen.Diese hatten nicht nur Deutschland West und Ost, sondern das kulturelle und politische Klima der gesamten entwickelten Welt dramatisch verändert.Um 1968 brach eine ganze Generation auf, um gegen ihre Eltern zu rebellieren.Die Jugend heute kopiert die revolutionäre Attitüde ihrer Eltern - und wird von diesen sofort vermarktet.Nichts verändert sich in Wirklichkeit, denn wenn die Eltern loben, was man tut, wird einfach nur der Status quo bewahrt. Das ist der besondere Fortschrittskonservatismus der 90er Jahre, die nie ihre eigene Problemstellung gefunden haben.Nachdem die wirklich bedeutenden, weltpolitischen Veränderungen Ende der 80er, Anfang der 90er ohne nennenswerten Einfluß auf das kulturelle Klima im Westen geblieben sind, hat man sich kollektiv in eine Art Salonsituation begeben.Wie schon zum Ende des letzten Jahrhunderts ist man sehr literarisch; die Bilder, soweit vorhanden, illustrieren ein Konzept, eine Willensbekundung, und innerhalb des abgesteckten Rahmens der Kunstwelt wird um inhaltsferne Machtpositionen gekämpft. Der wesentliche Unterschied besteht einzig darin, daß die im Salon verhandelten Themen nicht wie im letzten Jahrhundert einer poetisch klassischen Tradition entspringen, sondern existentiell sind.Das Charmante und gleichzeitig Naive der gegenwärtigen Situation ist der Versuch, ästhetischen Überhöhungen zu widerstehen und sozusagen in den Mikrobereichen der jeweils eigenen Erlebniswelten Identitäten herzustellen oder zumindest zu befragen.Dies gilt als eine Form von Widerstand und politischer Verantwortung in kleinem Maßstab.Dazu wird eine Aura von Authentizität verbreitet, die das Erbe der 70er Jahre ist, in denen die Dinge noch in größerem politischen Maßstab angegangen wurden. Was aber ist ererbte Authentizität? Ist das nicht ein Widerspruch? Kommt nicht der Drang nach Echtheit direkt aus der Ablehnung von Tradition? - Diese Fragen sind jedoch bereits dem Repertoire eines anderen Jahrzehnts entnommen: Es ist der Metadiskurs der postmodernen Dekade.Während die Supermächte noch existierten, waren die großen Utopien schon zusammengebrochen.Es gab keinen Ort mehr, nirgends, keine Weltordnung, auf die man sich hätte beziehen können.Man war auf sich allein gestellt. Eine Künstlerin, die dies wie keine andere zu zeigen schien, wird gegenwärtig mit ihren frühen Arbeiten im Museum of Modern Art (MoMA) in New York ausgestellt: Dort sind die gesamten 96 "Untitled Film Stills" von Cindy Sherman zu sehen.Die Schwarzweiß-Fotos im kleinen Format zeigen ausschließlich die Künstlerin.Dies sind jedoch keine Selbstporträts, sondern Rollenspiele.Man erfährt nichts über Cindy Sherman, denn in jeder Aufnahme erscheint sie als eine andere Person. Die Bilder zeigen uns die vielen Stereotypen von Weiblichkeit, wie wir sie aus Film und Fernsehen kennen.Das war Freiheit in den 80ern! Die Vervielfältigung der eigenen Person, das Spielen unterschiedlicher Rollen versprach, wenn nicht ein ironisches Auflösen der eigenen Identität, die als einengend empfunden wurde, so doch zumindest eine dekonstruktivistische Aufklärung über die gesellschaftliche Bedingung der eigenen Identität.Diese Selbststilisierung der Akteure der frühen 80er Jahre, die nicht darauf abzielte, über ein Proprium Auskunft zu geben, sondern Oberflächen zu erzeugen, hat Michael Rutschky sehr zutreffend als "Eleganzprogramm" bezeichnet. Gleich eine ganze Reihe von neuen Künstlern trat in den 80ern auf die Bühne und bekam öffentliches Interesse von bisher ungekanntem Ausmaß.Einer dieser Künstler war Keith Haring, dem das Whitney Museum of American Art eine Retrospektive eingerichtet hat.Vollkommen folgerichtig zeigt diese Ausstellung nicht einfach die Werke des Künstlers, der 1990 mit 31 Jahren an Aids gestorben ist, sondern eine schon zu Lebzeiten stilisierte Künstlerbiographie wird hier vorgeführt: angefangen mit Fotografien aus dem Familienalbum, weiter mit den pubertären Tagebucheintragungen des schwulen Jungen, der in der Provinz aufwächst, kurzfristig einer Religionsgemeinschaft beitritt, um dann doch lieber in der Metropole statt des Seelenheils sein Glück zu suchen.Neben seinen farbbeklecksten Turnschuhen erwartet der Besucher nur noch ein von Keith Haring benutztes Kondom zu sehen. Bei soviel Selbststilisierung des Künstlers als Künstler, der keinen Unterschied kennt zwischen Kunst und Leben und ausnahmslos alles aus seinem Sexualtrieb zu erklären versucht, stellt sich die Frage, wer Keith Haring eigentlich war, schon gar nicht mehr.Die Oberfläche überlagert bis zur Unkenntlichkeit den Menschen und vergrößert gleichzeitig das öffentliche Bild, das Image.Aus Keith Haring wird K.Haring Inc., ein Konzern, der heute noch die Designs des Künstlers vermarktet.Als Phänomen ist das auch damals keineswegs neu gewesen.Als Thema in der Bildenden Kunst, der Künstler als Pop- oder Filmstar, und als Befreiungsversuch vom Joch der Identität jedoch war das in den frühen 80ern neu und schien, als bewußte Strategie, ein möglicher Ausweg aus der metaphysischen Verbindlichkeit von Kunst zu sein. Daß die Ausstellung von Cindy Sherman im MoMA von Madonna gesponsort wird, rundet das Bild nur noch ab.Madonna als Popstar ist vielleicht die Ikone in den 80ern schlechthin.Niemand hat überzeugender den schnellen Identitätswechsel vorgeführt als sie.Die Rollenspiele von Madonna waren eine der ehrlichsten Äußerungen zu dieser Zeit.Darin ist sie bis heute erstaunlich konsequent geblieben.Nachdem die Erlösung der Welt durch politische Utopien in den 70ern nicht gelungen war und man alles Engagement inzwischen als naiv enttarnen konnte - Bazon Brock sprach von der "Gottsucherbande" -, war der Horizont für positive Äußerungen zersprungen und die Zeit der guten Menschen vorbei.Alle Rollen, die man annehmen konnte, waren gleichermaßen unglaubwürdig und wurden von Madonna perfekt, aber als unglaubwürdig vorgeführt.Madonna ist für die Popkultur, was no-future für die Subkultur war: Man glaubte an nichts mehr und vertrieb sich die Zeit.In der Intensität des Augenblicks hob sich die Zeit als Fortschritt auf.Die 80er waren das Ende der Geschichte.Diesen Zeit-Vertreib kann man durchaus als das letzte metaphysische Ereignis interpretieren. Was es nun bedeuten soll, daß diese Zeit wiederkommt? Jedenfalls deutet sich die Wiederkehr der 80er an allen Ecken und Enden an.Die Zeit der kleinen, guten Menschen, die gegenwärtig noch auf großen Kunstausstellungen emsig Sinn produzieren, geht langsam zu Ende.Sie werden anscheinend auch nicht mehr gebraucht.In den USA ist dieser Prozeß auch ökonomisch erklärbar: Das Land verbucht derzeit wieder eine fabelhaft solide, wirtschaftliche Entwicklung mit nur fünf Prozent Arbeitslosen, im nächsten Jahr wird wohl der Staatshaushalt wegen der Steuern auf die rasanten Gewinne im Einzelhandel ausgeglichen sein.Man hat es weniger schwer, Kunst und Kultur zu legitimieren, wenn die Menschen mehr Geld haben als metaphysische Probleme.Am Ende des Jahrhunderts ist Sinn wohl nur wichtig für Menschen ohne Geld. Cindy Sherman, Museum of Modern Art, New York, bis zum 2.September; Keith Haring, Whitney Museum of American Art, New York, bis zum 21.September.

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