Kultur : Endstation Freising

Mediengesellschaft und Politikshow – im Prinzip alles in Ordnung. Aber welches Stück wird nach der Wahl gespielt?

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Von Moritz Rinke

Es war schon sehr beeindruckend, aus 50 Metern Entfernung den Aufmarsch zum zweiten TV-Duell zu beobachten: Dieser Ansturm von Menschen mit Laptops, bestimmt 800 Laptops, die in die Halle in Berlin-Adlershof getragen wurden; bei einem Mann hing die private PC-Maus aus der Hose, bei einer Frau erhob sich feierlich ein TAE-Netzstecker aus der Handtasche; Unmengen Kabel, Kameras, Akkus, Transformatoren wurden noch zusätzlich in die Halle gekarrt und zwanzigmal soviel war wahrscheinlich schon drin.

Aber für was bitte?

Für 80 Minuten: „Wir haben in Freising die geringste Arbeitslosigkeit!“ „Die Menschen da draußen wissen: Unser Problem ist der Binnenmarkt und der Mittelstand!“ „Zu den Krankenkassen muss man sagen, die Beiträge werden nicht von der Politik festgelegt.“ „Entweder gibt es Schwarz-Gelb oder Rot-Grün!“ Dazu noch ein bisschen Irak, Bildung, Familie und Flut. Das war’s. Danach gingen überall stundenlange Analysen über den Bildschirm mit Meinungsforschern, PR-Experten, Wahlmanagern, anderen Spitzenpolitikern und TV-Promis, und in Adlershof gab’s wahrscheinlich ein Energie-Aufkommen, mit dem man eine ganze Stadt in Indien hätte versorgen können.

Im Prinzip ist das ja alles in Ordnung: Mediengesellschaft, Amerikanisierung des Wahlkampfs, Personalisierung. Verblüffend ist nur, dass dem ganzen Analysten-Verein dies zwar bewusst ist, er aber trotzdem mit deutsch-gründelnder und historischer Ernsthaftigkeit dasitzt, als wäre gerade Robespierre auf Danton getroffen oder Kennedy auf Nixon. Statt sich hinzustellen, die Amerikanisierung wirklich einzufordern und zu sagen: Leute, was war das eigentlich für eine ScheißShow?! – stattdessen also sitzt man da wie Günter Netzer und Gerhard Delling nach irgendeinem blöden Querpass-Spiel und saugt an der Nullnummer rum, alles wie gesagt auf der visionären Grundlage von „Wir haben in Freising die geringste Arbeitslosigkeit“ oder „Unser Problem ist der Binnenmarkt“.

Niemand steht auf und sagt: Schluss! Aus! Wir Deutschen haben einfach kein Talent für die Politik als Show! Wenn wir schon die Inhalte aufgeben, die Träume, die Illusion von Visionen und die suchende innere Bewegung, dann brauchen wir doch wenigstens eine gute Show und nicht nur Freising, Binnenmarkt und irgendwelche bescheuerten Zeitkonten! Was soll denn da sonst bitte im Medienzeitalter an die Stelle der Inhalte und Leidenschaften treten?

Die Mediendemokratie könnte jetzt für die Deutschen mehr und mehr ein Fluch werden. Ja, für eines der talentiert schwerfälligsten Völker, was gute Unterhaltung betrifft, kann sie nur ein Fluch werden. Wir haben das jetzt erlebt in der Neuerfindung von Edmund Stoiber, der plötzlich von seinen Beratern fast über Nacht unter dem Zwang der neuen Zeit zu Daniel Düsentrieb umgebaut wurde, auf jeden Fall zu etwas montiert wurde, wo nun, bei hellerem Licht besehen, keine Schraube zur anderen passt. Dabei haben wir trotz dieser TV-Duelle bisher vier Jahre noch richtig Glück gehabt, dass wir die Mediendemokratie mit Politikern lebten, deren Biografie und Zeitgeist dafür kompatibler war: Internationalismus ihrer politischen Prägung, 68 und das Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen, intellektuelle und ästhetische Interessen, Brandt-Erbe und so weiter. Eine Mediengesellschaft aber mit der CSU/CDU wäre eine seltsame Konstellation, denn da würden ja diejenigen zu Protagonisten einer Zeit werden, der sie eigentlich nur hinterherlaufen.

Besonders beim Hauptdarsteller wäre dieses Ungleichmaß der zeitlichen Bewegung zu spüren: das föderalistische, eben doch regionale Behagen, aus dem sich die CSU seit Menschengedenken nährt; die damit verbundene Unterminierung des Staates durch Provinzialismus plus außenpolitischer Unklarheit, wie wir damit als modernes Land nach außen hin auftreten sollen sowie die generelle Kenntnislosigkeit der heutigen Kultur der unter 40-Jährigen. Dieses alles zusammengenommen bei gleichzeitigem Zwang, dennoch modern und angesagt im Bild rüberzukommen, würde das wirklich gehen?

Trotzdem, die Wirtschaft steht still, die Umfragen können immer noch schwanken, und man muss mit allem rechnen. Manchmal wache ich jetzt nachts auf und merke, ich habe wieder von der Mediendemokratie geträumt und noch ganz deutlich die Tagesthemen-Stimme von Ulrich Wickert im Ohr: „Der Außenminister Wolfgang Gerhardt ist heute zu Gesprächen im Gaza-Streifen mit Jassir Arafat zusammengetroffen.“ Dann klopfe ich gegen meinen Kopf und denke: Das ist doch völlig wahnsinnig, Gerhardt im Gaza-Streifen mit Arafat, das geht doch gar nicht!, du träumst immer noch, aber schon sagt Ulrich Wickert: „Guten Abend meine Damen und Herren, Innenminister Günther Beckstein hat heute das neue Sicherheitssofortpaket vorgelegt!“, aber dann wache ich wirklich auf und bin allen Ernstes froh, dass es noch Otto Schily gibt und ein bisschen Law & Orderchen statt „Leben ohne einen einzigen Döner“, so Wickert im Traum über Beckstein.

Ich habe diese Träume seit der Harald-Schmidt-Show mit Gregor Gysi. Gysi sagte zu Schmidt, dass er auch nicht wisse, wer die Wahl gewinnt und dass nun alles möglich sei, denn es herrsche weder eine Wechselstimmung wie bei Schröder gegen Kohl noch eindeutig keine Wechselstimmung wie bei Kohl gegen Scharping. Sicher sei nur, dass jetzt alles Zufall ist, ob Stoiber oder Schröder.

Ein Schauspieler, mit dem ich mich immer gern über Politik im Medienzeitalter unterhalte – er hat gestern gesagt, Stoiber könne man nicht glauben: Lothar Späth werde nämlich niemals sein Amt als Wirtschaftsminister antreten, sondern Jürgen Möllemann! Ich sagte: Du spinnst, Möllemann wird nicht mal Agrarminister, aber der Schauspieler hatte jetzt schon im Geiste Katharina Reiche gestrichen und Laurenz Meyer als Familienminister besetzt. „Lieber Gott, hilf, dass Erwin Huber nicht Verteidigungsminister wird!“, hat kürzlich eine Verlegerin mitten in ein Gespräch über Saddam Hussein hineingerufen, und ich befragte sofort meinen Schauspielerfreund: „Sag’ mal, Erwin Huber als Verteidigungsminister, ist denn sowas überhaupt möglich?“ Der Freund aber hatte dieses Ressort bereits in einer weiteren Angstattacke abwechselnd Wolfgang Schäuble, Jörg Schönbohm oder Thomas Goppel zugedacht, vorausgesetzt, Friedrich Merz bleibt statt Hermann Otto Solms bei den Finanzen und Schäuble überlässt den Außenminister Guido Westerwelle, womit Wolfgang Gerhardt definitiv in die Kultur rücken muss.

Die Nerven liegen wirklich total blank, ich hab nämlich noch von so einem irrsinnigen Demoskopen geträumt, der wurde mir als das wahre Genie von Infratest vorgestellt und sah aus wie eine Mischung aus Albert Einstein und Angela Merkel, und danach konnte ich dann auch noch Michael Glos irgendwo ins Kompetenzkabinett einbauen und Peter Ramsauer!

Na ja, die Medienrepublik könnten wir auf jeden Fall wieder abschaffen, denn was wäre das bitte für eine absurde Performance? Und dann? Wieder schön zurück zum Parteienprofil und den Parteiprogrammen? Ich meine – um mal mit meiner Generation zu sprechen –, für Parteiprogramme interessiert sich doch keine Milchkanne mehr, da muss man ja nur die Zeit vom zweiten TV-Duell bis zur Wahl betrachten, da passierte außer Haushaltsdebatte einfach nichts mehr. Das finale Duell war der Höhepunkt, und nun ist tote Zeit, denn wir wollen aufbereitete, unterhaltsam und modern verpackte Politik, nicht Kleingedrucktes lesen und uns im Wahlkreis mit der schlecht gekleideten Basis befassen!

Der September 2002 stellt diesem Land und einer Republik, die blühen und sich reformieren wollte und dann vor allem, wie alle anderen, wirtschaftlich strauchelte, eine seltsame Frage: Machen wir so weiter, so erträglich personell, hedonistisch und ohne wirklichen Aufbruch; so inszenatorisch gutgemacht, mal ernst, mal heiter und immer blendend leer und zeitgemäß, so also irgendwie up to date und internationalistisch? Oder setzen wir uns wieder in die Regionalbahn und wackeln ein bisschen herum auf der Transrapid-Strecke unserer schönen Medienrepublik, bis wir kurz vor Freising wegen Kompatibilitätsproblemen von den Gleisen fallen?

Leider gibt es nur zwei eindimensionale Welten und keine andere, die man wählen kann.

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