Kultur : Endstufe Sehnsucht

Du hast Akne und schreibst an Kofi Annan: die Erfindung des Pop aus dem Geist der Übertreibung

Diedrich Diederichsen

Popmusik hat lokale und globale Dimensionen. Doch anders als die Folklore ist sie nie nur lokal und anders als die klassische Kulturindustrie ist sie nie nur global – wie „Stars Wars“ oder Schwarzenegger. Die Urszene der Popmusik formuliert Eddie Cochran im „Summertime Blues“. Dem jungen Mann wird das Auto des Vaters verweigert. Statt diesen zusammenzuschlagen oder sich in sein Schicksal zu fügen, wie es junge Männer vor der Popmusik je nach Temperament und lokalen Sitten gemacht hätten, wendet sich dieser an den amerikanischen Kongress und, als der Abgeordnete ihn zu jung findet, an die Vereinten Nationen. Ein albernes, alltägliches Anliegen führt zu heiligem Zorn, das Kleine will zum ganz Großen.

In der Popmusik geht es immer um solche lächerlichen Anliegen, die sich ganz großer Themen bedienen, weltumspannende Medien und Kulturindustrien für ihre Zwecke nutzen und auf sehr heiße Temperaturen bringen. Das Mikroereignis erhält seine Wahrheit in der maßlosen Übertreibung. Die Übertreibung aber rechtfertigt ihre Mittel nur, indem sie dem Kleinen zur Stimme verhilft. So funktioniert idealiter die Ethik der Popmusik und ihrer Verstärker-Effekte. Gitarrensaiten, unfertige Stimmen, belanglose Sorgen von Teenagern werden in grotesker Vergrößerung plötzlich plausibel, rührend, wahr.

Nicht anders verhält es sich mit dem kulturgeografischen Einzugsgebiet der Popmusik: Es kennt nur winzige und sehr große Territorien. Die viel beklagte provinzielle Enge gibt es in der Popmusik immer und nie. Ausgangspunkt ist zwar stets das Kaff oder die U-Bahn-Endstation. Aber es wird keine Popmusik, wenn sie dort bleibt. Auf dem Andy-Warhol-Nachruf-Album „Songs For Drella“ gelingt eine bündige Formulierung genau dieses Problems. Das einzig Gute an einer Kleinstadt, weiß Lou Reed, sei, dass man sie verlassen müsse: „There’s only one good use for a small town. You hate it and you know, you´ll have to leave.“

Das ist nicht nur ein Sophismus (das Gute an der Kleinstadt ist, dass an ihr nichts Gutes ist), sondern tatsächlich ein Argument für Popmusiker aus der Provinz. Sie wissen von Anfang an, dass es ein großes Missverhältnis zwischen ihrem inneren und ihrem äußeren Leben gibt. Sie suchen nicht vergeblich nach dem Angemessenen. Sie haben Akne und schreiben deswegen an Kofi Annan. Dieses Unangemessene aber, der Blick durch die Lupe auf den Liebeskummer eines unwichtigen Menschen ist der Ausgangspunkt gelungener Popmusik.

Die Kleinstädte hatten früher Übungskeller, verständnisvoll geführte Gemeindezentren und andere peinliche Asyle für größenwahnsinnige Jugendliche. Diese Orte sind noch von einem Rest sozialer Kontrolle gekennzeichnet. Die technische Entwicklung hat sie mittlerweile jedoch überflüssig gemacht. Seit den Neunzigerjahren kennen wir Schlafzimmer-Produzenten, junge Leute, die das Kinderzimmer nicht vor der ersten Grammy-Verleihung verlassen mussten. Natürlich funktioniert auch das nicht immer. Bei manchen musikalischen Genres muss man sich außer Haus begeben (etwa beim HipHop). Aber auch dann gilt: Die besten Projektionen gelingen in Eminems „8 Mile“, einem Trailerpark nahe Detroit oder im Märkischen Viertel.

Diese Dialektik von kleiner und großer Welt wird immer wieder von der mittleren Ebene gestört: Nation und Institution. Oder auch: Schallplattenindustrie und Kulturpolitik. Die Schnittmenge von beiden heißt PopKomm. Der Versuch zwischen den Produktionsorten und den Sehnsuchtsorten, zwischen Projizierenden und den Projektionen, aber auch zwischen Produzenten und Rezipienten zu vermitteln, ist das Terrain von Ausbeutung und Bürokratie. Mancher mag resigniert meinen, dass es das auch geben muss. Aber alles, was daraus hervorgeht, muss das Wesentliche an Popmusik verfehlen. Das beginnt beim – egal wie gut gemeinten – Konzipieren von Standorten, Pop-Akademien und Förderungsmodellen und endet bei dem dämlichsten Dauerbrenner: der Quote für den deutschsprachigen Pop.

Gegen diese wieder vehement in die Diskussion geworfene Idee lässt sich vieles sagen. Dass man, wenn schon, nicht deutsche, sondern gute Popmusik begünstigen sollte; dass die Fixierung auf das Deutsche mit abstoßenden Ideen von ethnischer Identität operiert und so weiter (Tsp. vom 28. 9.). Aber das entscheidende Argument wird meist ausgespart: Zur Popmusik gehört, dass die Eleganz stets da ist, wo ich etwas von außen wahrnehme und idealisiere. Die Dinge flutschen nur, wenn ich nicht sehe, welches Elend ihnen zugrunde liegt. Der Blick auf eine Pop-Produktion als Ganzes, als „die Kultur“ eines Landes, subsumiert die realen Schwierigkeiten, die Vielfalt und das Hässliche unter so einer Projektion. Projektionen sind produktiv für Fans und Musiker, aber nicht für die Politik.

Alle Vorstellungen von coolen Staaten, Gebieten oder Städten verdanken sich externen Blicken. Das gilt auch, wenn es sich um Bemühungen handelt, die vom Territorium der BRD ausgehen – vom Krautrock bis zum Cologne-Sound. Alles Erfindungen von Engländern und Amerikanern, die auf das deutsche Selbstverständnis zurückstrahlen. Die ach so selbstverständlich mit einer angeblich nationalen Poptradition umgehenden Franzosen sind eine deutsche Verkennung. Das französische Pop-Chanson der Sechziger gründet seinerseits auf irren Projektionen von amerikanischer Popmusik.

Auch die beste deutsche Popmusik ging stets von offensiven Aneignungen bewunderter fremder Musik aus. Die Rede von der „eigenständigen Popmusik“ ist auch jenseits ihrer ideologischen Hässlichkeit unerträglich. Nicht nur weil alle Popmusik hybrid ist, sondern weil ihre Stärke darin besteht, Wunsch und Willkür lebendig zu machen, nicht Traditionen zu generieren. Schon gar nicht nationale. Popmusik weiß dies. Nur ihre Förderer nicht.

Zentralisierung, Ökonomisierung, Nationalisierung funktionieren alle nicht. Dennoch bestimmen sie den Alltag derer, die mit Popmusik Geld verdienen. Das ist kein Widerspruch. Die Popmusik, die wir hören, ist ja zum größten Teil widerlich und abstoßend. Denn sie wird von Leuten gemacht, gefördert und vor allem gesendet, die glauben, der kleinste gemeinsame Nenner garantiere am ehesten das Überleben der eigenen Firma und Institution. Oder die sich an traditionelle künstlerische Kriterien halten, die der Popmusik ganz äußerlich sind.

Popmusik hat nichts mit Können und Handwerk zu tun, auch nicht mit Authentizität. Sondern mit dem großen Moment, wenn etwas Nebensächliches, Privates oder Mikropolitisches groß und sichtbar wird. Wenn dem Unrepräsentierbaren durch unerwartete Repräsentation zu seinem Recht verholfen wird. Die einzige Möglichkeit, der Popmusik zur Kraft zu verhelfen, damit große Spotlights das Leben der Leute erhellen, wäre eine großzügige, verschwenderische Förderung, die sich nicht auf Kriterien wie Talent und große Stimmen stützt. Der Verwertungseifer bliebe dabei ausgeblendet. Wer so etwas intelligent und unbestechlich organisieren kann? Keine Ahnung. Vermutlich doch nur irgendein Zentrum.

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