Kultur : Engelein, Engelein flieg

Kalkül und Intuition: eine Berliner Tagung über die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst

Thomas Wegmann

Neue Technologien führen bisweilen zu abenteuerlichen Ideen, auch bei Dichtern: Wenn man die Nadel eines Grammophons an die Kronen-Naht eines menschlichen Schädels hielte, stellte sich Rainer Maria Rilke vor, dann müsste eigentlich das Ur-Geräusch zu hören sein. Derartige Koppelungen von Technologie und Physiologie waren in der Pionierzeit moderner Medien und Messinstrumente keine Seltenheit. Und oft zogen Künstler und Ingenieure, Dichter und Naturforscher dabei an einem Strang. „Heureka“, so lautet der freudige Ausruf, in dem sich die Schöpfer des Schönen und die Erforscher des Wahren lange Zeit trafen.

„Heureka“ ist auch der Titel eines Essays von Edgar Allan Poe über den Zusammenhang „von dem Physischen, Metaphysischen und Mathematischen“. Gewidmet hat der Dichter Poe diesen Aufsatz 1848 dem Naturforscher Alexander von Humboldt. Da hatten Finden und Erfinden offenbar noch viel gemein. Als wollten sie noch einmal jene Gemeinsamkeiten beschwören, stellen Caroline Welsh und Stefan Willer Poes „Heureka“ an den Anfang der von ihnen konzipierten Jahrestagung des Berliner Zentrums für Literaturforschung. Um Intuition und Kalkül soll es gehen: Intuition als das positive Unbewusste des Wissens, eine Art sinnlicher Erkenntnis. Gleichzeitig signalisiere der Bruch zwischen Kalkül und Intuition den Bruch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften: hier das Messen, dort das Deuten.

Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums, bringt Engel ins Spiel und verweist auf den Physiker Gustav Theodor Fechner. Ausgerechnet der erste Direktor eines Instituts für Physik in Deutschland hatte nämlich 1825 eine „Vergleichende Anatomie der Engel“ geschrieben und das positivistische Wissen dabei mit den eigenen Grenzen konfrontiert. Der Physiologe Siegmund von Exner-Ewarten dagegen hatte einige Zeit später nicht nur das Hirnzentrum lokalisiert, sondern auch die Bilder von Engeln vermessen und ihnen dabei die Flugfähigkeit abgesprochen. Weswegen Engel für Weigel auch einen Prüfstein markieren: für die Möglichkeiten und Grenzen empirischer Verfahren.

Man hat bei Weigel allerdings eher den Eindruck, als sollten die Engel nicht mehr zwischen Göttern und Menschen vermitteln, sondern nun zwischen Geistes- und Kulturwissenschaften. Und als wäre die Vermessung der Engel der Anfang vom Ende, nämlich vom Ende des gemeinsamen Verstehens. Seitdem flirten die Geistes- und Kulturwissenschaften etwas einseitig mit ihrer exakteren Hälfte, die nicht so recht will und gern die launische Diva gibt. Entsprechend sind es auch bei der Jahrestagung vor allem die Geistes- und Kulturwissenschaftler, die sich um die schwierige Beziehung bemühen. Konfrontiert man etwa die kapriziösen Naturwissenschaften mit ihrer eigenen, nicht selten kuriosen Geschichte, können sie durchaus Mitleid erwecken. Da wiederum sind die Literaturwissenschaften in ihrem Element, schließlich ist seit Lessing der mitleidige Mensch sprichwörtlich der beste.

Was indes die naturwissenschaftliche Diva selbst von den Bemühungen der Geistes- und Kulturwissenschaften hält, kann man spätestens auf dem von Andreas Platthaus souverän moderierten Podium erleben, auf dem Vertreter aus Kunst, Medizin, Literatur- und Kognitionswissenschaften ihre Konzepte von Kalkül und Intuition vorstellen. Für den Neurowissenschaftler David Poeppel etwa sind solche Konzepte schlicht zu groß, weil sie sich im Hirn nicht lokalisieren lassen. Entsprechend interessieren ihn Engel überhaupt nicht, und Intuition will er allenfalls als Vorschule der Erkenntnis gelten lassen.

Für den Schriftsteller Aris Fioretos hingegen sind beide Phänomene eng miteinander verknüpft: Wie eine Fledermaus gleichsam mit den Ohren sehen könne, könne Literatur zwar kalkuliert geschrieben sein, tue aber gut daran, zumindest auch intuitiv zu wirken. Intuition als höchste Stufe der Kalkulation? Auch darauf hätte man sich wahrscheinlich nicht einigen können, und genau das wäre auch nicht nötig gewesen. Das Podium führt vielmehr unterhaltsam und erhellend ein Stück Differenznormalität zwischen den Wissenschaften und Künsten vor. Denn anders als Lexika dienen Tagungen nicht der bündigen Information, sondern der anregenden Irritation: Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner blickt es zurück.

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