Englands Elvis : Rocker und Gentleman - Cliff Richard zum 70.

Immer wieder war er den Beatles in den britischen Charts dicht auf den Fersen. Auch in Deutschland war Cliff Richard enorm populär. Und während die Beatles aufhörten, machte Cliff Richard einfach weiter.

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Am 9. Oktober 1940 wurde in Liverpool John Lennon geboren, fünf Tage später Harry Rodger Webb in Lucknow, Indien. Als Lennon 1962 mit den Beatles seine erste Platte veröffentlichte, hatte Webb längst seinen Namen geändert und als Cliff Richard mit seiner Begleitband The Shadows schon 21 Single-Hits in den britischen Charts gehabt. Sein Debüt war im August 1958 erschienen: „Move It“ gilt heute weithin als erster authentischer englischer Rock’n’Roll-Song und der damalige Rocker Cliff mit Schmalztolle und Hüftschwung als „britischer Elvis“. Dabei klang er eigentlich mehr nach Buddy Holly. Lennon, ein Fan von Buddy Holly und Elvis, soll gesagt haben: „Vor Cliff und den Shadows hatte es in der britischen Musik nichts gegeben, was man sich anhören konnte.“

In den Sechzigern hat sich Cliff Richard losgesagt vom Image des rebellischen Rock’n’Rollers und bewegte sich in Richtung gesittetem Mainstream-Pop, was mehr seinem Naturell entsprach. Der freundliche Gentleman behauptete von sich, er habe nie Fernseher aus Hotelfenstern geworfen, nie Drogen genommen und keinen sexuellen Ausschweifungen gefrönt. Vielleicht war die stilistische Umorientierung ja auch sein großes Glück, denn wie die meisten Rock’n’Roller wäre er möglicherweise weggefegt worden vom großen Beat-Boom der Sechziger und der Übermacht der Beatles. Doch so konnte Richard, der wegen seiner Erweckung zum überzeugten Christen dem Showgeschäft fast den Rücken gekehrt hätte und Religionslehrer geworden wäre, all die Jahre höchst erfolgreich bestehen neben den harten Konkurrenten.

Immer wieder war er den Beatles in den britischen Charts dicht auf den Fersen. Im März 1968 schaffte er es sogar, mit seinem Grand-Prix-Beitrag „Congratulations“, die Beatles und „Lady Madonna“ von der Nummer-Eins-Position zu stürzen. Auch in Deutschland war Cliff Richard enorm populär mit seinen heute eher lustig anmutenden deutschen Versionen von „Lucky Lips“ („Rote Lippen soll man küssen“, 1963) und „Spanish Harlem“ („Das ist die Frage aller Fragen“, 1964). An die 50 Songs hat er in deutscher Sprache aufgenommen.

Die Beatles gab es in den Siebzigern nicht mehr, doch Cliff Richard lieferte weiterhin einen Hit nach dem anderen, 81 sollten es werden. Und der ewig jugendlich aussehende Sänger brach etliche Rekorde: in fünf Jahrzehnten jeweils mindestens einen Nummer-Eins-Hit – der erste war „Living Doll“ 1959, der vorläufig letzte „Millennium Prayer“ 1999. Insgesamt konnte er sich sogar sechs Jahrzehnte lang in den Top Ten behaupten. Weltweit hat er rund 260 Millionen Platten verkauft. Und Cliff Richard denkt nicht daran, aufzuhören. Diese Woche erschien sein neues Album „Bold As Brass“, eine Huldigung an die Big-Band-Ära mit Klassikern aus dem „Great American Songbook“. Es dürfte sein 88. sein.

Heute feiert der große Sänger und Entertainer seinen 70. Geburtstag. John Lennon, der vor 30 Jahren ermordet wurde, hätte sicher gratuliert.

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