Kultur : Entführung in das Detail

Dirigentenlegende: Zum 95. von Kurt Sanderling

Frederik Hanssen

Als Geburtstagsständchen gibt’s die Ouvertüre zur „Entführung aus dem Serail“. Mozarts Nahost-Singspiel war die erste Musiktheaterproduktion, die Kurt Sanderling jemals geleitet hat. 1937 in Moskau. „Aus der Lamäng“, wie die Berliner sagen, also ganz ohne Vorbereitung. Denn eine Hochschulausbildung hat Sanderling, einer der bedeutenden deutschen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, nie absolviert. Gleich nach dem Abitur ging der gebürtige Ostpreuße als Probenpianist an die Städtische Oper in der Reichshauptstadt, als 1935 die sogenannten „Judengesetze“ erlassen wurde, befand er sich im Urlaub in den Dolomiten. Die einzige Fluchtmöglichkeit eröffnete sich Richtung Osten: Ein Onkel arbeitete bereits in Moskau. Der junge Pianist sprach bei Georges Sebastian vor, dem Chef des Rundfunkorchesters. Der plante gerade einen Mozart-Zyklus und konnte einen deutschen Assistenten gut gebrauchen. Mitten in der Aufführungsserie der Mozart’schen „Entführung“ musste der Maestro dienstlich verreisen, stellte den jungen Kurt mit den Worten vors Orchester: „Nun dirigiere mal!“ Das Ergebnis war zufriedenstellend – und der Beginn einer großen Karriere, die Sanderling zunächst zu den Leningrader Philharmonikern führte, bevor er von 1960 bis 1977 dann das Berliner Sinfonie-Orchester (BSO) leitete.

Am Gendarmenmarkt, also am Stammsitz „seines“ Orchesters, das sich jüngst in Konzerthausorchester umbenannt hat, findet natürlich auch die Feier zum 95. Geburtstag Kurt Sanderlings statt, der immerhin erst im Mai 2002 den Takt- gegen den Spazierstock eingetauscht hat. Unter der Leitung seines Nachnachnachnachfolgers Lothar Zagrosek werden dann auch Sanderlings zweite Frau und sein jüngster Sohn spielen. Denn die Sanderlings sind eine echte Musikerdynastie: Der Älteste, Thomas, 1942 in Nowosibirsk geboren, wohin man die Leningrader Musiker evakuiert hatte, wird vor allem als Schostakowitsch-Experte geschätzt. Der 1964 geborene Stefan hatte bereits Chefpositionen in Potsdam, Mainz sowie beim Orchestre de Bretagne inne und leitet seit 2003 das Florida Orchestra. Michael schließlich wurde mit 19 Jahren Solocellist am Gewandhaus, später beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und hat sich als künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam auch als Dirigent profiliert. Seine zweite Frau Barbara lernte Kurt Sanderling beim BSO kennen, wo sie von 1961 bis 1986 2. Solo-Kontrabassistin war, bevor sie als Professorin an die Eisler-Musikhochschule berufen wurde.

Zu Sanderlings Ehren spielen heute auch die japanische Pianistin Mitsuko Uchida, mit der Sanderling alle Beethoven-Klavierkonzerte eingespielt hat, sowie Viviane Hagner, die junge Geigerin, die derzeit „artist in residence“ des Konzerthauses ist. Der Abend ist leider – natürlich! – ausverkauft. Frederik Hanssen

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