Kultur : Er wird sein Glück schon machen

Am Maxim Gorki Theater zeigt Christian Weise den „Kleinen Muck“ als rasantes Märchen von heute.

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Pappkamerad. Aram Tafreshian als Theaterdirektor Donner. Foto: Eventpress Hoensch
Pappkamerad. Aram Tafreshian als Theaterdirektor Donner. Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Folklore aus 1001 Nacht? Arabeske Turbanseligkeit im Schlangenbeschwörer-Sound? War am neuen Gorki Theater nicht zu erwarten. Hier hat man schließlich den Anspruch, Geschichten anders zu erzählen. Und das gilt auch, wenn „Kleiner Muck“ aus dem Jahr 1826 auf dem Programm steht. Unter Trommelwirbel und Blitzgewitter lädt eingangs ein pompös kostümierter Doktor Donner (Aram Tafreshian) mit seinem internationalen Puppentheater-Ensemble zum Zuhören und Staunen ein. Der Zampano schnallt sich einen Bauchladen mit Klappkulissen um, die den Berliner Fernsehturm und die Mulackstraße aufpoppen lassen – dort wohnt er, der kurzgewachsene Mann mit dem großen Kopf, den alle den kleinen Muck nennen.

Von den Kindern wird er mit Spottgesängen begleitet: „Bist ein alter Krüppelzwerg!“, hallt es ihm nach. Dabei hat er’s wahrlich nicht leicht, der Sonderling aus der Stadt Iznik. Bis zum 16. Lebensjahr wird er vom Vater im Haus versteckt, nach dessen Tod reißen die Verwandten das Erbe an sich und schicken den Jungen mittellos in die Welt. Was Muck allerdings unverdrossen sportlich nimmt: „Der Turban zu groß, die Hose zu weit – egal, ich werd' mein Glück schon machen!“

Doktor Donners Künstlertruppe erzählt diese Coming-of-Age-Saga in einem orientalisch anmutenden Guckkasten unter Halbmond – mit cartoonhaften Stabpüppchen und rasant wechselnden Pappkulissen. Effektreich begleitet von einem Musiker (Falk Effenberger), der mit „Kaboing“-mäßigen Comic-Sounds immer wieder Pointen setzt. So könnte es munter weitergehen, würde die Vorstellung nicht penetrant gestört von einem Zuschauer, der partout mitmachen möchte. Schließlich erkennt der Mann sich in der Geschichte vom Außenseiter wieder: „Darf auch meistens nicht dabei sein, kann kein Hochdeutsch!“, ruft er. Klar ist Doktor Donner genervt, zumal der Tollpatsch sein halbes Theater zerlegt. Aber schließlich verpasst er dem Rampenlichtwütigen (es ist der Schauspieler Oscar Olivio) einen Riesenturban und Schnabelpantoffeln – und lässt ihn die Geschichte vom kleinen Muck weiterspielen. Auf geht’s mit magischen Rennschuhen und dem Zauberstab, der Schätze aufspürt!

Christian Weises Inszenierung, die eine Hauff-Bearbeitung von Soeren Voima benutzt, ist ein mehrbödiges Vergnügen, ein verschmitzt zwinkerndes Spiel-im-Spiel. Und vor allem: ein schauprächtiges Spektakel. Die bildende Künstlerin Julia Oschatz hat an die 100 Masken und Figuren in hübsch grob konturierter Ausmalbuch-Ästhetik entworfen. Mit denen agieren Doktor Donners Gehilfen – sämtlich hoch talentierte Studierende im Bereich Puppenspielkunst der Ernst Busch Schule. Wechseln per Vorhalte-Maske im Handumdrehen Mimik und Rolle, staksen als lebende Comicfiguren über die Bühne. Dazu hat Oschatz Videoprojektionen geschaffen, die auf Moritz Müllers Bühne mit einfachen Strichen dreidimensional wirkende Settings auferstehen lassen: vom Sultans-Palast bis zum Kerker.

Dieser „kleine Muck“ für Menschen ab sechs Jahren ist ein zeitgemäßes Märchen mit Migrations- und Ironiehintergrund. Toll gespielt in den tragenden Rollen von Aram Tafreshian und Oscar Olivio. Okay, die Jüngeren werden nicht alle Anspielungen verstehen. Dafür dürfen sich die begleitenden Erwachsenen freuen, wenn der Motzverkäufer durchs Bild läuft. Oder Muck sich wundert, wer dieser „Maxim Gurke“ war, von dem Theaterdirektor Donner spricht. Patrick Wildermann

wieder am 8., 12. ,16., 17., 18. und 22. 12.

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