Kultur : Erinnerung, schweig!

Steffen Richter

über schweifende und schwafelnde (Auto-)Biografen „Na endlich“, trompetet der tolldreiste Thelen, „erscheint eine Figur von Weltrang in den Erinnerungen des Vigoleis“. Das kann man wohl sagen! Bisher waren recht zwielichtige Gestalten wie Zwingli, Arsenio oder Ulua durchs Buch gegeistert. Doch dann hat Harry Graf Kessler in Albert Vigoleis Thelens Roman „Insel des zweiten Gesichts“ seinen Auftritt.

Kessler und Thelen lernten sich als deutsche Emigranten in den Dreißigerjahren auf Mallorca kennen. In der „Insel“, diesem leider vergessenen Exil-, Schelmen- und Liebesroman, berichtet Thelen von seiner Zeit als Kesslers Sekretär. Und er überschlägt sich vor Bewunderung: Der als Schriftsteller „faszinierende Stilkünstler“, Diplomat, feinsinnige Kunstmäzen und „Mensch der Völker“ war eine der schillerndsten Figuren des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Über 57 Jahre hat er Tagebuch geführt. Als im letzten Frühjahr der erste von neun Bänden (Klett-Cotta) erschien, sorgte das für einige Aufregung. Nun wird in der Literaturwerkstatt ein Film von Sabine Carbon über den „roten Grafen“ vorgestellt. Mit dem Tagebuch-Herausgeber Roland S. Kamzelak und dem Literaturkritiker Tilman Krause können Sie am 4.2. (20 Uhr) ein Zeitalter besichtigen.

Von der Vornehmheit des reichen Grafen Kessler ist Herr Lehmann sternenweit entfernt. Wir erinnern uns an Sven Regener s Kreuzberger Tunichtgut, der vor drei Jahren die Bestsellerlisten enterte und die Kinokassen vernehmlich klimpern ließ. Mittlerweile hat Regener nachgelegt. In „Neue Vahr Süd“ (Eichborn) erfahren wir, wer Frankie war, bevor er Herr Lehmann wurde. Nämlich ein rauchender und trinkender Jungmann, der sich in der Bremer Provinz zu Beginn der Achtzigerjahre zwischen den Überresten von linken K-Gruppen und dem Einberufungsbefehl zur Bundeswehr aufreibt. Fast nebenher liefert Regener ein Sittengemälde der Bundesrepublik in einer Zeit, als die Energien der 68er erschlafften und ein neuer Pragmatismus Einzug hielt. Und wie es sich für den Element of Crime-Sänger geziemt, liest er vor großem Auditorium in der Treptower Arena (3.2., 20 Uhr).

Das Lachen, das Regener bundesdeutschen Verhältnissen abgewinnen kann, ist Christoph Hein gründlich vergangen. Der Doch-Nicht-Intendant macht mit „In seiner frühen Kindheit ein Garten“ (Suhrkamp) wieder als Schriftsteller auf sich aufmerksam. Ob sein neues Buch ein Roman ist, sei dahingestellt. Hein recherchiert akribisch die Umstände, unter denen der Terrorist Wolfgang Grams und der Polizist Michael Newrzella in Bad Kleinen ums Leben kamen – und wie staatliche Instanzen die Aufklärung, sagen wir: nicht beförderten. Sicherlich war Hein in seinem Selbstverständnis als Autor immer Chronist seiner Verhältnisse. Ob der Chronist dem Schriftsteller in diesem Fall das Wasser abgräbt, entscheiden Sie am besten selbst, wenn Hein am 6.2. (20 Uhr) zur Buchpremiere in die Akademie der Künste kommt. Und wenn Sie wissen wollen, wie aus krudem Lebensstoff ein großer Roman entsteht, dann lesen Sie doch endlich das Mammutwerk des unnachahmlichen Vigoleis!

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