Kultur : Erkenne dich selbst

Sandra Luzina

Durch ihre unvergleichlichen Sprünge machte sie auf sich aufmerksam. Zahlreiche Fotos zeigen sie in rasantem Flug, mit nackten Beinen und wild zersaustem Bubikopf - ein jubelnder Triumph über die Erdenschwere. Sie wollte nicht hübsch und lieblich tanzen, hat Gret Palucca einmal bekannt. Durch ihr tänzerisches Temperament und ihre eigenwillige Persönlichkeit vermochte sie zu begeistern. "Ein schmalhüftiges, fast knabenhaft wirkendes Mädchen mit keckem Gesicht und wirr darüber wehenden Haaren" - so hat sich Mary Wigman an ihre Schülerin erinnert, die am 8. Januar 1902 als Margarethe Paluka in München zur Welt kam. Die Elevin avancierte bald zur gefeierten Solotänzerin. Und wurde zur Antipodin der düsteren Meisterin stilisiert.

Paluccas Tanz wurde als hell, durchsichtig, klar und kraftvoll beschrieben, gerühmt wurde ihre stupende Technik und ihr lebensbejahender Ausdruck. So glanzvoll ihre Tanzkarriere war, den größeren Erfolg und Einfluss erwarb sie sich als Pädagogin. Da entwickelte sie bemerkenswerte Ansichten: Keine Nachahmer wollte sie heranzüchten, sondern schöpferische und eigenständige Persönlichkeiten ausbilden. Mit diesen Idealen stand sie immer wieder im Widerspruch zu staatlichen Erziehungsdoktrinen. Erst jetzt, zu ihrem 100. Geburtstag, wurde damit begonnnen, ihre politische Vita zu untersuchen. Die neue Biographie des Theaterwissenschaftlers Ralf Stabel dokumentiert in aller Auführlichkeit den Dauerclinch der Palucca mit der DDR-Obrigkeit ("Tanz, Palucca", Henschel Verlag). Die Einflussnahme auf ihre Dresdner Schule, die 1949 verstaatlicht wurde, konnte sie nicht verhindern. Dennoch hat sie es verstanden, die Genossen immer wieder zu Zugeständnisssen zu bewegen.

Ein politisch denkender Kopf war die Palucca nicht, aber eine Frau mit großem Eigensinn, die an ihren Idealen festhielt. Die offiziellen Biographien verstellten lange den Blick auf die Künstlerin, die sich mit Auskünften über ihr Leben und Werk sehr zurückhielt; erst heute lässt sich eine Vita zwischen Anpassung und Auflehnung entziffern. Bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1993 hat die Palucca unterrichtet, über Jahrzehnte hinweg hat sie so das Profil des Dresdner Ausbildungsinstituts geprägt - wenn auch mit Unterbrechungen. Die Begründerin des Neuen Künstlerischen Tanzes - der Begriff Ausdruckstanz galt als verdächtig - hat nie eine Methode oder Technik entwickelt. "Seit ich tanze, improvisiere ich", hat die Palucca schon früh geäußert. Und auch an ihrer Schule nahm die Improvisation einen großen Stellenwert ein. Ihre Schüler ermunterte sie mit den Worten: "Es ist wichtig, dass ihr kühn drauflos experimentiert, damit jeder überhaupt erst einmal weiß, was in ihm steckt." Sie wurden angeleitet, sich "einfach mal zu verausgaben."

Die Palucca hat Generationen von Tänzern, Choreogaphen und Tanzpädagogen ausgebildet. Künstler wie die Opernregisseurin Ruth Berghaus und die Choreographen Tom Schilling, Birgit Scherzer, Stephan Toss oder Dietmar Seyffert sind aus ihrer Schule hervorgegangen. Auch nach ihrem Tod halten ihre Schüler den Geist der Palucca lebendig: So Holger Bey, der zu Jahresbeginn zur Eröffnung der Tanztage in den Berliner Sophiensälen mit einer Choreographie vertreten war, die ihn unschwer als Palucca-Erben auswies.

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