Kultur : Erlebnispark des Grauens

In der Erinnerungshölle: Jáchym Topols makabrer Roman „Die Teufelswerkstatt“

Bettina Kaibach

Seit Jahren macht sie Schlagzeilen: die Schweinefarm im böhmischen Lety. In den vierziger Jahren befand sich auf dem Gelände ein Konzentrationslager für Roma und Sinti. Von den in Lety Internierten überlebte nur ein Bruchteil. Wer nicht vor Ort den Strapazen erlag, wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet.

„Eine Schweinefarm am Ort des Massakers“? Der namenlose Held in Jáchym Topols jüngstem Roman „Die Teufelswerkstatt“ findet nichts dabei. Er ist Ziegenhirte, und seine Herde weidet er auf den Festungswällen von Theresienstadt, dem tschechischen Garnisonsstädtchen, das den Nazis als Gestapogefängnis und Durchgangslager für die zu ermordenden Juden diente. Für den Theresienstädter Hütejungen – ein Simplizissimus wie schon der Held in Topols Roman „Zirkuszone“ – ist das keine Entweihung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wo sonst fände er für sich und seine Ziegen ein Zuhause, als an diesem Ort, wo das Gras sich vom Ziegelstaub blutrot färbt und Kinder in den Katakomben der Festung nach Spuren der Gefangenen suchen: Inschriften, Haarspangen, rostige Haken; einmal finden sie sogar zwei Fingernägel.

Auch der Held hat seine Kindheit so verbracht – und denkt nostalgisch daran zurück. Seine Mutter hat das Theresienstädter Ghetto knapp überlebt. Nun schafft sie sich in ihrem Zimmer ein Gehäuse, in dem sie sich gegen die Welt verschanzt. Den Sohn hätte sie am liebsten im Bauch behalten. Kein Wunder, dass der es als Befreiung empfindet, im Labyrinth der Festung auf makabre Schatzsuche zu gehen und erste Küsse zu tauschen.

Schäferspiele in Folterkellern, Herden auf roten Weiden: ein zweifelhaftes Idyll. Und doch sehnen wir uns am Ende des Romans zurück in die blutgrundierte Pastorale. Denn mit dem Ende des Kommunismus, so die Ironie des Buches, wird das Geschichtstrauma erst zum wahren Horror. Jáchym Topol – der wohl bekannteste Autor der tschechischen Gegenwartsliteratur – führt uns in „Teufelswerkstatt“ nicht zum ersten Mal zu den nationalsozialistischen Vernichtungsstätten Osteuropas. Im Roman „Die Schwester“ (1998) schickte er den Helden auf einen Drogentrip nach Auschwitz: eine Höllenvision, die sich ins Gedächtnis brennt. Weniger bekannt ist, dass Topol als Journalist gegen den Verfall Theresienstadts anschrieb, das nach dem Abzug der Armee und einem Hochwasser zur Geisterstadt zu werden droht. Seine Fernsehreportage über die mit EU-Geldern geförderte Rettungsmaßnahmen gerät zur Realsatire, wenn der (mittlerweile entlassene) Bürgermeister davon träumt, die Kasernen von Theresienstadt in eine internationale Universität zu verwandeln: „Soldat und Student ist doch genau das gleiche. Nur dass der eine eine Flinte hat, und der andere ein Notebook in der Tasche ...“

In „Teufelswerkstatt“ steigert Jáchym Topol solche Fakten in gewohnter Manier zur fantastischen Geschichtsfiktion und scheut dabei keinen Tabubruch. Um die Bedrohung Theresienstadts geht es auch hier: Die offizielle Gedenkstätte und ein paar „Genozidpfade“ ist alles, was nach dem Willen der Stadtplaner von der Festung bleiben soll – ein steriler Erinnerungsort, aus dem die Opfer und ihre Nachkommen eliminiert sind. Die wehren sich gegen die Musealisierung ihrer Stadt, allen voran Lebo, ein Überlebender des Ghettos und selbst ernannter Sachwalter der Erinnerung, der in seiner Aktentasche die Fundstücke der Theresienstädter Kinder verwahrt. Lebo verkörpert das wahre Gedächtnis der Stadt: unbereinigt, lebendig. Und er mobilisiert eine weltweite Kampagne gegen die Abrisspläne. Unter seiner Leitung verwandelt sich Theresienstadt in eine Art Ashram für „Pritschensucher“ – Kinder und Enkel von Überlebenden, die auf den Spuren der Vergangenheit durch Europa irren und in Lebo ihren Guru finden. Und wie so mancher Guru erweist sich auch Lebo als geschickter Geschäftsmann. Verdrängung oder Vermarktung, heißt die Alternative für die Theresienstädter, und sie wählen Letzteres. Den Erhalt ihrer Stadt finanzieren sie unter anderem mit dem Verkauf von „Ghetto-Pizza“ und Holocaust-Paraphernalia.

Der jüdische KZ-Überlebende als charismatischer Shoa-Businessman, umringt von verstörten jungen Frauen: Wer hier schon Unbehagen empfindet, sollte sich auf Schlimmeres gefasst machen. Die prekäre Balance zwischen Traumaarbeit und Ghetto-Pizza hält nicht lange an: Lebos Lebenswerk wird von Baggern zerstört. Doch das Theresienstädter Geschäftsmodell macht Schule. Im weißrussischen Chatyn, wo die SS alle Dorfbewohner in einer Scheune verbrannte, soll die „Teufelswerkstatt“ entstehen: ein „Jurassic Park des Grauens“, der den Horror hautnah werden lässt und zugleich die Kasse füllt. In ihrem Willen zur Authentizität gehen die Museumsplaner buchstäblich über Leichen: Die letzten lebenden Zeitzeugen werden ausgestopft und zu Sprechpuppen der Massenvernichtung verwandelt.

Der NS-Genozid als Erlebnispark – in Washington wird den Besuchern des Holocaust-Museums ein Opferpass ausgestellt, bevor man sie in einen Aufzug pfercht, der die Enge der Güterwaggons simulieren soll. Wer glaubt, solches Grauen lasse sich authentisch nachstellen, so die Botschaft von Topols Roman, mordet die Opfer ein zweites Mal.

Schade nur, dass auch Topol bisweilen bedient, was er kritisiert. Wenn er seinen Helden in die unterirdische Werkstatt führt, wo zwischen Schrumpfköpfen und ausgeweideten Kadavern der Präparator die Säge ansetzt, gerät die Lektüre zur Geisterbahnfahrt. Das wäre unerträglich, wenn Topol nicht selbst dem Spuk ein Ende machte. „Ich bin dagegen“, sagt der Theresienstädter Ziegenhirt und legt Feuer an die „Teufelswerkstatt“.

Der Roman, gewohnt treffsicher übersetzt von Eva Profousová, ist ein provozierender Kommentar zu den Fallstricken der modernen Erinnerungskultur, in denen er sich gelegentlich selbst verfängt. Dass er sich am Schluss aber elegant wieder daraus befreit, zeugt von der Gewitztheit Jáchym Topols.

Jáchym Topol:

Die Teufelswerkstatt. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová.

Suhrkamp Verlag,

Berlin 2010.

201 Seiten, 24,80 €.

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