Kultur : Ernährung heute: Mahlzeit

Thomas Kröter

Ob Helmut Kohl sein Ernährungsverhalten schon umgestellt hat? Saumagen, die qua Vorliebe des früheren Bundeskanzlers weltbekannt gewordene Spezialität seiner Heimat, steht neuerdings auf dem Index der potenziell gefährdenden Speisen - denn der pfälzische Wurstsack, einst als ArmeLeute-Gericht entstanden, enthält allerhand durchgedrehtes Fleisch- und Muskelmaterial, aber auch Innereien. Und die sind in Zeiten des prophylaktischen BSEVerdachts ein Risiko, warnt in Gestalt von Helmut Ebersdobler der lebensmittelwissenschaftliche Sachverstand par excellence. Der Mann ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und stellte am Dienstag in Berlin den alle vier Jahre erscheinenden "Ernährungsbericht" vor.

"Alles Zerkleinerte", warnte der Professor bei dieser Gelegenheit in Berlin, sollten die Verbraucher tunlichst meiden. "Da wäre ich vorsichtig." Des Deutschen geliebte Bockwurst zählt dazu, Leberwurst, besonders die billige, und eben Saumagen. Vor dem Berliner Nationalgericht "Currywurst" eigens zu warnen, unterließ der freundliche Wissenschaftler, offenbar mit Rücksicht auf die gastgebende Stadt. Bei saftigen Steaks dagegen, aus tierischen Regionen geschnitten, die weit von den potenziell BSE-trächtigen Problemzonen Hirn und Rückenmark entfernt sind, ist das Risiko nach Schätzung des Ernährungswissenschaftlers geringer. Das Übergreifen der BSE-Krise nach Deutschland hat die Zunft des Professors nicht weniger kalt erwischt als Politik, Landwirtschaft, Metzger und Esser. Der fast 400 Seiten starke "Ernährungsbericht 2000" war bereits gedruckt, als hier zu Lande das erste Rind erkrankte. So heißt es auf Seite 223 noch frohgemut: "Daher wird den Verbrauchern empfohlen, nur Rindfleisch aus deutschen Herkunftsbeständen zu kaufen."

Der Bericht zieht auch in diesem Jahre Bilanz der deutschen Ess-Gewohnheiten und wie alle Jahre wieder beklagt er, dass die Bundesbürger immer noch hartnäckig zu viel, vor allem tierisches Fett und Alkohol zu sich nehmen. Doch hinter dem erhobenen Zeigefinger haben die Experten auch ein dickes Lob für die Verbraucher parat: Der Alkoholkonsum geht zurück, vor allem was Bier und Schnaps angeht. Dafür wird mehr Joghurt gelöffelt. Ob dessen modische pro- und präbiotische Varianten wirklich gesünder sind, darüber hat die Wissenschaft allerdings noch keine letzte Klarheit.

Schon vor der BSE-Krise wurden hier zu Lande weniger Kalb- und Rindfleisch gegessen, dafür mehr Geflügel und Fisch. Ebenso hat der Verbrauch von Gemüse in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Und auch wenn die Bürger weniger Bananen und Zitrusfrüchte zu sich nehmen als früher, lässt der nationale Vitaminhaushalt daher kaum etwas zu wünschen übrig. Lediglich bei Vitamin E, Beta-Carotin und Folsäure wie in der Zufuhr von Calcium lassen es die deutschen Verbraucher an Gesundheitsbewusstsein mangeln.

Das ist übrigens quer durch die Bevölkerung fast gleich entwickelt. Nur die Jugend, bei der die Experten den überdurchschnittlichen Konsum von Fast-Food nun auch wissenschaftlich nachgewiesen haben, ist noch nachlässiger. Ob jemand sich gesund ernährt, hängt im Übrigen nach wie vor mit der sozialen Schicht zusammen, der er entstammt. Darauf machten in Hannover Ernährungswissenschaftler und die niedersächsische Landesvereinigung für Gesundheit aufmerksam. Ihr Befund: Arme Kinder sind häufiger übergewichtig und deutlich schlechter ernährt als ihre materiell besser gestellten Altersgenossen. In sozial schwächeren Kreisen ist zudem eine weitere gesundheitsschädigende Angewohnheit weiter verbreitet: Zu lange ohne körperliche Ertüchtigung vor dem Fernseher zu sitzen.

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