Eröffnung Ruhrtriennale : Letzter Ausweg Menschenopfer

Aufforderung zur Toleranz? Die Ruhrtriennale startet mit „Alceste“, in Johann Simons’ Regie.

Regine Müller
Sakral, fatal. Die fabelhaften Chorsänger von MusicAeterna begleiten Alceste in ihrer Rastlosigkeit.
Sakral, fatal. Die fabelhaften Chorsänger von MusicAeterna begleiten Alceste in ihrer Rastlosigkeit.Foto: JU/Ruhrtriennale

Vor zehn Jahren wuchtete David Pountney bei der Ruhrtriennale eine riesige fahrende Tribüne in die Bochumer Jahrhunderthalle und fand so für Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“ und die Idee von der „Kugelgestalt der Zeit“ eine geniale Raumlösung. Damals war Jürgen Flimm Festivalchef und widmete seine Spielzeiten thematisch der Bespiegelung vergangener Epochen. In dem Jahr mit Pountneys spektakulärer Bühne war die Barockzeit dran, man arbeitete sich damals vorwiegend an ästhetischen Fragestellungen ab. Das waren noch geruhsame Zeiten!

Nun gibt es wieder eine große Oper in der an ein Kirchenschiff erinnernden, hohen und schmalen Halle 1. Für Christoph Willibald Glucks „Alceste“ in der Inszenierung von Intendant Johan Simons hat Bühnenbildner Leo de Nijs erneut eine zwingende Lösung gefunden: Bespielt wird eine lange, spiegelnde Fläche, an der sich eine flache Tribüne entlangzieht, gegenüber mittig das Orchester auf Podesten, und an der Fußseite der Bühne ragt eine steile Tribüne hinauf. Ein reizvoller, aber schwieriger Raum, der extreme Perspektiven zulässt. Aber das aus heutiger Sicht problematische Werk sträubt sich ohnehin gegen Verträgliches, zumindest in Simons’ Deutung.

Als der Niederländer Simons 2015 das Ruder des Leuchtturm-Festivals übernahm, verpasste er ihm das als Fanal zu verstehende Motto „Seid umschlungen“, frei nach Schillers und Beethovens „Ode an die Freude“. Das war mutig und ein bisschen vermessen zugleich. Denn schon in seiner ersten Spielzeit regte sich Kritik an der Ortswahl für die Eröffnungspremiere, den Dinslakener Problembezirk Lohberg: In der Salafisten-Hochburg blieb die Hochkultur trotz gut gemeinter Vermittlungsangebote eine Art Ufo. Immerhin vertrug sich das Motto mit der letztes Jahr noch weitgehend ungetrübten Willkommenskultur.

Der Aufruf zur Verbrüderung könnte Trotzgeste sein

In der nun eröffneten zweiten Spielzeit unter Simons’ Leitung könnte man den Aufruf zur Verbrüderung als Trotzgeste verstehen, als Beharren auf Toleranz und Offenheit. Tatsächlich gab der Intendant zu Protokoll, es gehe ihm um das Überprüfen unseres westlichen Wertekanons, der auf den Errungenschaften der Aufklärung fußt. Diese sieht Simons gefährdet.

Und dann setzt er ausgerechnet Glucks „Alceste“ auf den Spielplan. Und zwar die italienische Urfassung, der meist die spätere französische vorgezogen wird – die italienische Version sei radikaler, ließ Dirigent René Jacobs wissen. „Alceste“ kreist fast dreieinhalb Stunden um die Titelheldin, deren königlicher Gatte Admeto todkrank ist und laut Orakel nur durch ein Menschenopfer zu retten ist. Dieses Opfer will Alceste nun selbst bringen und ringt mit ihren Gefühlen zwischen Todessehnsucht, Erleuchtung und Verzweiflung, umgeben vom allgegenwärtigen Chor und angestachelt durch Herolde, Oberpriester, Unterweltgötter und Apollo (alle gesungen vom grandiosen Georg Nigl).

Regisseur Simons inszeniert diese emotionale Achterbahn eher defensiv, lässt Brigitte Christensen im dunkelblauen Reformkleid des frühen 20. Jahrhunderts die lange Spiegelfläche auf und ab schreiten und rennen, begleitet von den Sängern des Chors MusicAeterna – durchweg individuell charakterisiert und in Traumkostümen. Hunderte weiße Plastikstühle stehen im Weg (eine Reminiszenz an das Lieblingsmöbel der Berliner Volksbühne?), die mal im Kreis gruppiert, mal wütend geworfen werden. Und wenn das Orakel ertönt, prasselt eine Stuhllawine vom Bühnenhimmel herab. Zudem gibt es eine Menge toter Raben (die an Barrie Koskys Zürcher „Macbeth“ erinnern) – verschmähte Opfergaben aus dem Müllsack.

Die Heldin ringt mit dem gewählten Schicksal

Alceste ringt also ausgiebig mit ihrem selbst gewählten Schicksal. Ihre heftige Ambivalenz ist das Gegenteil einer marmornen Attitüde. Und gewiss ist Gluck nicht nur der radikale Opernreformator, der dem Genre barocken Zierrat und leere Gesten austrieb, sondern auch eine Schlüsselfigur der Aufklärung. Aber wie kann man ein von dubiosen Einflüsterern gefordertes Menschenopfer feiern? Soll die ruppige Geste des Chors, der plötzlich auf die Tribüne prescht, erst in letzter Sekunde stoppt und das Publikum mit fragenden Blicken verstört, dazu auffordern, das eigene Leben zu riskieren? Sich zu opfern? Für einen feudalen Herrscher? Für westliche Werte?

Die These des Abends bleibt unklar, zur finalen Ballettmusik flitzen Alcestes Kinder ausgelassen durch die Halle, das Happy End mag man nicht glauben.

Musikalisch ist der Abend über jeden Zweifel erhaben. René Jacobs und das großartige B’Rock Orchestra treiben Gluck alles Gravitätische aus, der Klang ist transparent, zart, pulsiert in bebender Empfindsamkeit. Ein Mirakel ist der Chor, der sich oft weit im Raum verteilt, seine cremige, schlackenlose Homogenität dabei nie verliert und noch dazu mitreißend agiert. Brigitte Christensen meistert die horrende, abwechselnd grabestief und extrem hoch liegende Partie mit seraphisch leuchtendem Sopran, Georg Nigl beherrscht bei jedem seiner hinreißenden Auftritte die Riesenbühne mit magnetischer Präsenz.

Aber auch diese musikalischen Spitzenleistungen können nicht verhindern, dass der Abend sich am Ende gefährlich lange hinzieht, irgendwann läuft das ewige Gerenne auf der Bühne ins Leere, auch die Dialektik der Plastikstühle leuchtet nicht mehr ein. Eine zwiespältige Auftaktpremiere dieser Ruhrtriennale, bei der bis zum 24. September noch 22 weitere Produktionen folgen. Darunter die Uraufführung des Musiktheaters „Die Fremden“, am 2. September in der Zeche Auguste Viktoria in Marl.

Weitere Informationen zum Programm unter: www.ruhrtriennale.de

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