Kultur : Erotische Gedichte: Sie soll auch was davon haben

Caroline Fetscher

Es nimmt kein Ende mit Brecht und den Frauen, und mit dieser Frage ob er sie nun benutzt und beschmutzt hat, sie als Plagiator ausgebeutet oder inspiriert hat. Wahrscheinlich beides, und beides immer. Eigentlich braucht man nur bei Brecht selbst nachzulesen, um seine politische Empathie und die persönliche Ambivalenz Frauen gegenüber zu finden. Steht alles da.

Dem obszönen Dichter Brecht, dem Macho und Frauenanwender, widmet der Insel-Verlag jetzt eines seiner kleinen, bibliophilen Bändchen. Außen verziert mit japanischen Tuschestreifen, innen dekoriert mit erotischen Picasso-Vignetten, erhält die Anthologie erotischer Gedichte "Bertolt Brecht. Über Verführung" einen ästhetischen Kragen, den sich Baal nicht umgebunden hätte. Es handelt sich um eine Sammlung gereimter Brecht-Männerfantasien. Viele der Gedichte, die heute unter dem Label "Explicit Lyrics" laufen würden, wurden zu Lebzeiten Brechts nicht publiziert.

Auf ihre Weise sind solche Verse inzwischen vor allem Zeitzeugnisse, deren "Tabubrüche" die Grenzen der Geschlechtergeographie einer vergangenen Epoche zeigen. Besonders sympathische Verse sind die meisten dennoch nicht. Aber man soll auch das Bessere sehen, etwa in den Strophen "Über die Verführung von Engeln". Da rät und verrät Brecht: "Engel verführt man gar nicht oder schnell. / Verzieh ihn einfach in den Hauseingang/ (... ) Und fick ihn. Stöhnt er irgendwie beklommen / dann halt ihn fest und laß ihn zwei Mal kommen / Sonst hat er Dir am Ende einen Schock", um mit einem Hinweis auf Schonung zu enden: "Doch schau ihm nicht beim Ficken ins Gesicht. Und seine Flügel, Mensch, zerdrück sie nicht." Immerhin.

Irgendwie rührend ist es auch, wenn dem Autor der Männerverse nicht ganz entgeht, dass das Objekt auch seine Freude haben kann und soll. Ein Ich sagt zum Du in "Das neunte Sonett": "Als du das Vögeln lerntest, lehrt ich dich / So vögeln, daß du mich dabei vergaßest / und deine Lust von meinem Teller aßest / Als liebtest du die Liebe und nicht mich." Eine pantheistische Megafantasie schließt sich an, in der das Mann-Ich für das Frau-Du alle Männer verkörpern will, - ungefähr die netteste Art den eigenen Narzissmus zum Wohl des Andern umzuwenden. Das Ganze endet mit der Bekräftigung der didaktischen Absicht: "Ich wollte, daß du nicht viel Männer brauchst / Um einzusehen, was dir vom Mann bestimmt." Bisschen viel Bestimmung und Vorsehung und Einsichtserwartung, aber in einem bibliophilen Bändchen und dann noch von Brecht geht sich das schon aus, old boys.

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