Kultur : Erstbesteigung im Gehrock

So viel Humboldt war nie: Enzensbergers „Andere Bibliothek“ feiert den großen Kosmopoliten

Jörg Plath

„Es ist doch ein Skandal“, sagt Rainer Wieland, Lektor von Hans Magnus Enzensbergers „Anderer Bibliothek“, „dass Alexander von Humboldts Hauptwerk in Deutschland nicht verfügbar ist. Diesem Skandal wollen wir abhelfen.“ Das dürfte mehr Aufsehen erregen als der Skandal selbst. In einer konzertierten Aktion legt die „Andere Bibliothek“ Mitte September gleich drei Bücher von Alexander von Humboldt vor, zwei davon im großen Folio-Format: die deutsche Erstausgabe der „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“, geschrieben nach der fünfjährigen Südamerika-Reise um 1800, die berühmten „Kosmos“-Vorlesungen, mit denen Humboldt im vormärzlichen Berlin mühelos die heute als Maxim Gorki Theater bekannte Singakademie füllte, die Neuausgabe der „Ansichten der Natur“, dazu eine Lesung von Gert Westphal aus dem „Kosmos“ auf CD sowie das www.humboldt-portal.de. Begleitet wird diese verlegerische Kraftanstrengung von einer Marketingkampagne, die glauben lässt, der berühmte Naturforscher sei im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf nominiert.

In der Vorrunde lobten den Universalgelehrten und Weltreisenden zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens. „Er hat die Vereinten Nationen der Wissenschaft begründet!“ erklärte Joschka Fischer, und Reinhold Messner rühmte: „Sechs Andengipfel, sechs Erstbesteigungen im Gehrock vor fast zweihundert Jahren – ein beneidenswerter Vorgänger, ein bewundernswertes Vorbild!“ Roman Herzog und Richard von Weizsäcker setzten etwas andere Akzente, doch begeistert sind sie auch. Hätten wir unseren Kaiser Wilhelm wieder, würde ihn die „Andere Bibliothek“ zweifellos mit „Ich kenne nur noch Humboldtianer“ zitieren.

Am 14. September beginnt die Kampagne hochexklusiv: 50 Persönlichkeiten kommen auf Schloss Tegel zusammen, dem Geburtsort von Alexander und Wilhelm, das diese einst respektlos „Schloss Langeweil“ nannten. Vor derlei Flapsigkeiten dürfte jedoch die Präsentation der Edition und Enzensbergers Vortrag seines Gedichts „Alexander von Humboldt“ bewahren. Im Anschluss wird, musikalisch untermalt, ein Humboldt-Dinner serviert. „Insekten und gegrillte Moskitos wird es nicht geben“, weiß Rainer Wieland, „aber als Nachtisch plant der Maitre de Cuisine einen brennenden Chimborazo.“

Hoffentlich schlagen die Illustren, die nicht genannt werden wollen, erst zu Hause in den „Ansichten der Kordilleren“ die Passage über die Besteigung des Chimborazo nach. Dem Forscher und seinen zwei Begleitern setzten die 6130 Meter Höhe nämlich so zu, dass er wenig verdauungsfördernd aussah: Die Augen sind rot unterlaufen, Zahnfleisch und Lippen bluten, beständiger Brechreiz, notiert Humboldt mit der ihm eigenen Unbestechlichkeit und Präzision.

Der zweite Tag erweitert den Personenkreis behutsam. Am 15. September wird 250 geladenen Gästen um 18 Uhr 30 in der Rotunde des Alten Museums die Edition präsentiert. Die Privatpersonen oder Vertreter von Institutionen wie dem Goethe Institut und dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst sollen möglichst als Sponsoren eines oder mehrere Bücher erwerben, die die Studienstiftung des deutschen Volkes begabten Schülern und Studenten schenkt. „Hätte ich Humboldt mit 13, 14 Jahren in die Hände bekommen“, sagt Franz Greno, der stets enthusiastische Hersteller der „Anderen Bibliothek“, „mein Leben wäre anders verlaufen.“

Begrüßt werden die Gäste im Alten Museum von Siegmund Jähn, dem ersten deutschen Kosmonauten – eine subtile Anspielung auf die erstaunliche Aussage von Quizmaster Günter Jauch, Humboldt sei „Europas erster Kosmonaut“ gewesen. Außerdem bietet das von Claus Peter Siegloch (ZDF) moderierte Programm bei einem nicht weiter spezifizierten Imbiss und Getränken Humboldt-Szenen, wiederum aus Enzensbergers Feder und Mund.

Schon um 20 Uhr 30 folgt im China-Club des Berliner Hotels Adlon am Pariser Platz eine Soiree für etwa 50 Förderer und Sponsoren. Nach der Präsentation lauschen auch sie beim Diner einer Rede des in diesen Tagen viel beschäftigten Enzensberger. Ihr nahe liegendes Thema: Luxus. In den folgenden Tagen dann die behutsame Öffnung zur Öffentlichkeit: Präsentationen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, im Berliner Botanischen Museum, Vorträge in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis in das Jahr 2005 hinein. Eine solche Marketingkampagne für Bücher, zumal für die eines toten Autors, hat die Welt noch nicht gesehen.

Organisiert wird sie von einem eigens gegründeten „Humboldt-Kontor“, in dem seit Anfang des Jahres neben Lektor Wieland Anne Vonderstein und Kristina Vaillant arbeiten. Immerhin 1,5 Millionen Euro wendet der Eichborn Verlag, der nach dem Börsencrash in ökonomische Schwierigkeiten geriet und noch in der Sanierung steckt, für die Humboldt-Edition auf. Ein guter Teil fließt in die Marketingmaßnahmen, weil der übliche Käuferkreis der „Anderen Bibliothek“ für das kostspielige Projekt zu klein ist. 99 Euro kosten die prächtigen Folio-Bände; 25000 Exemplare werden vom „Kosmos“ gedruckt, 15000 von den „Ansichten der Kordilleren“. Das ist vorsichtig kalkuliert angesichts der 60000 Exemplare, die von dem Folio-Band mit Montaignes „Essais“ verkauft wurden.

Übrigens geht es nicht nur darum, einem Skandal abzuhelfen. Es gilt auch, den 235. Geburtstag von Alexander von Humboldt am 14. September zu begehen. Und den 20. der „Anderen Bibliothek“ im Januar. Und den 75. von deren Herausgeber Hans Magnus Enzensberger, der im November ansteht. Die Termine liegen so weit auseinander, dass die Feier nicht zur Selbstfeier wird und doch alle Anlässe voneinander profitieren. Perfekt.

Prachtausgaben von Werken Alexander von Humboldts (1769 – 1859) werden ab Mitte September in der „Anderen Bibliothek“ im Eichborn Verlag erscheinen: Die „Kosmos“-Vorlesungen , die ursprünglich 1845–1865 in fünf Einzelbänden bei Cotta erschienen, die „Ansichten der Kordilleren und Monumente der eingeborenen Völker Amerikas“ (1810–13 in Paris erschienen) in deutscher Erstausgabe, sowie eine Neuausgabe der „Ansichten der Natur“ (1808). Außerdem erscheint eine CD mit einer Lesung von Gert Westphal aus „Kosmos“. Die großzügig ausgestattete Homepage www.humboldt-portal.de informiert über alle Veranstaltungen rund um Humboldt.

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