Kultur : Erste Runde

Jan Schulz-Ojala

Tretentretentreten, trötet der Papa. Hält das Rad am Gepäckträger, läuft und läuft und läuft, gebückt, hinterm Rad her und hinter dem Kind obenauf. Das Kind tritt und tritt, unsicher noch, dann immer verwegener in die Pedale, und der Papa, außer Atem vom Laufen und Rufen, japst und läuft und rennt und stolpert fast, während er sein Kind im Gleichgewicht hält. Tretentretentreten!

Schön, den zweien da zuzugucken auf der Spielstraße zwischen Tischtennisplatte und Bolzkäfig, wo die größeren Jungs Fußbälle gegen den Maschendraht schmettern. Die Sonne scheint, es ist früher Sommer, gute Zeit, umzusteigen vom Rädchen mit Stützrädern auf was Größeres, man ist schließlich nicht mehr zwei. Umsteigen auf etwas, das man bei Sinnen besser nicht benutzt: so was von schwankend, das zweirädrige Ding, das bei Stillstand kollabiert wie sonst nur Flugzeuge, diese Riesenmetallklumpen da oben in der Luft. Umsteigen auf ein Fortbewegungsmittel, das süchtig ist nach Fortbewegung und süchtig machen muss danach, weil es sonst umfällt, wenn du nicht rechtzeitig . . . Füße auf den Boden! Schon wieder Papas Stimme.

Lernen kann das nur, wer nicht nachdenkt: Schon vom bloßen Nachdenken wird einem schwindlig. Sehr kluge Kinder scheuen deshalb das Radfahrenlernen, bis sie fast zu alt sind vor lauter Vernunft. Besser, man ist abenteuerlustig. Besser, man stürzt sich lebensmutig nach vorn. Besser, man steigt in die Siebenmeilenpedale und bewegt sich fort. Fort von Papa: Ja, vielleicht fährt man plötzlich schneller, als Papa rennen kann? Es sind die Füße, die Beine, die dem Kind das zu flüstern scheinen, nicht der Kopf.

Ganz viel später wird der Papa mit dem groß gewordenen Kind ein Moped kaufen gehen, und das Kind streift den Helm über, sitzt auf, startet und sieht nicht zurück. Noch später das erste Auto: Könnte sein, dass der Papa noch mal im Rückspiegel erscheint, winkender Schemen, bevor man abbiegt auf den Zubringer Richtung Autobahn. Aber was denkst du denn, das ist doch erst in hundertmillionentausend Jahren! Da lässt der Papa los, und das Kind dreht seine erste Runde, ganz allein, taumelnd noch, aber rotgesichtig vor Lust. Strahlend kehrt es zurück. Bremsenbremsenbremsen!

Folge 3: Unterwegs mit der Vespa

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