Kultur : Erstmals in den neuen Bundesländern ausgestellt

Klaus Hammer

In einem aufwendigen Verfahren bringt Richard Serra schwarze Tintenfarbe durch das Sieb aufs Papier. Dann wird mehrfach ein Ölkreideblock in langen vertikalen Bahnen über das Sieb gezogen, bis sich die Tinten- und Ölkreideschichten zu einem tiefen, satten Schwarz vereinigt haben, in dessen Oberfläche die feine Siebstruktur bleibt. Jedes Blatt der bewusst klein gehaltenen Auflage unterscheidet sich durch die individuellen Spuren des Künstlers vom anderen. Es hat den Charakter eines Einzelwerkes; Grafik und Zeichnung sind vom Erscheinungsbild her nahezu identisch.

Zum ersten Mal stellen die Kunstsammlungen Chemnitz in den neuen Bundesländern den Amerikaner Richard Serra vor: nicht etwa mit seinem ungleich bekannteren skulpturalen Werk, sondern mit seinen Siebdrucken, Lithografien, Aquatinta und Radierungen aus den Jahren 1972 bis 1999. Einfache geometrische Grundformen oder aus ihnen abgeleitete Formbildungen werden hier auf ihre visuell und physisch erfahrbaren Eigenschaften hin untersucht. Durch ihre mitunter extremen Formate nimmt der Betrachter die Blätter jedoch weniger als flächige Form, sondern als konkret greifbares Gegenüber, in ihrer körperlichen Präsenz wahr. Er erlebt das Wechselspiel von Last und Transparenz, Gleichgewicht und Schwere. Gefährdete Balancen und spannungsvolle Kontraste zwischen dem Weiß des Grundes und sich ständig verändernden schwarzen Flächen veranlassen ihn, den Prozessen gegenüber immer wieder neu Stellung zu beziehen.

In einer Zeit permanenter Reizüberflutung und medialer Bilderschwemme kann der Betrachter - in die schwarze Fläche eintauchend, an dem Blatt entlanggehend - wieder Halt und Beruhigung, ja aus der Kraft des Kunstwerks sogar neue Einsichten gewinnen.Kunstsammlungen Chemnitz, bis 1. Mai. Katalog 40 Mark.

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