Kultur : Ertragreich

Müllers Bauerntheater in Joachimsthal

Daniel Völzke

Der Bauer Flint schreitet über das Feld. Vor sich her trägt er den Glauben an den Tag, unter dem Arm eine Harke aus Holz. Er haut die vier Zinken des Geräts in den Boden und zieht Furchen. Auf und ab. Vielleicht denkt er nichts. Worte aber spulen sich in seinem Kopf ab. „Schillerundgöthe, wer hat ihm / den Bauch gefüllt? Homer, wer hat ihn angezogen? / Kein Buchstab ohne dich und kein Gedanke.“ Hier, am Rand des nordbrandenburgischen Städtchens Joachimsthal, wo der amerikanische Schauspieler David Barlow diesen Acker bestellt, gibt es viel zu grübeln und wenig zu sehen.

„Bauerntheater“ nennt der 36 Jahre alte New Yorker Künstler David Levine das Projekt. Sein Schauspieler wird einen Monat lang bezahlt von der Kulturstiftung des Bundes. Zehn Stunden pro Tag arbeitet er, fünf Tage die Woche. Den Boden lockern, die Pflanzkartoffeln mit einer Hacke setzen, sie mit Erde bedecken, Unkraut jäten. Ob Arbeit hier zur Attraktion wird, wie es der Untertitel dieses wortlosen Bauerntheaters verspricht? Wenn die Scholle sich in eine Bühne verwandelt, geht es nicht so sehr um Schauwerte und Dramatik. Stattdessen beackert Levine großflächige Themenfelder, „den globalen Arbeitsmarkt, die Performance kultureller Tradition, die Repräsentation von Arbeit, die Repräsentation als Arbeit und die heikle Beziehung von Endurance und Land Art zu Fragen der Authentizität“, wie es im Programm heißt. Letzten Winter schüttete Levine tonnenweise Sand in sein New Yorker Atelier, dort durfte sein Schauspieler üben. Mit einer Theatergruppe probte das Team Heiner Müllers Stück „Die Bauern“. In diesem geht es um die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone, um die Kräfte, die eine neue Landwirtschaft beförderten und verhinderten. David Barlow spielte Flint, den kommunistischen Neubauern und wortgewandten Helden des Stückes.

Anstatt die fertige Produktion aufzuführen, wurde Barlow nach Joachimsthal geflogen und dreht nun hier seine Runden als Flint. Dass er auch dessen Gedanken denkt, behauptet ein Schild – aber es bleibt Behauptung. Das Bauerntheater ist vor allem eine Reflexion über die Grenzen und Methoden des Theaters. Hier steht, schön dialektisch, das in Amerika so beliebte „Method Acting“, die Einfühlung in die Rolle, gegen das epische Theater Brechts und Müllers. Die Einfühlung wird beim Bauerntheater ins Extrem getrieben – so dass das Ergebnis episch ausgewalzte, schnöde Arbeit ist. Wenn Barlow seine Sache gutmacht, nimmt er auch eine Tonne Kartoffeln mit nach Hause. So ertragreich kann Einfühlung sein.

Noch bis 28. Mai am Wasserturm in der Töpferstraße, Joachimsthal. Informationen unter bauerntheater-projekt.de

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