Kultur : "Es gibt keine Musical-Krise. Ich sehe jedenfalls keine"

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Warum Helmut Kohl nicht für die Oper taugt, und wieso sich modernes Musiktheater an Verdi orientieren muss

Am Anfang ein kleines Spiel: Wir lesen Ihnen ein paar Zeilen aus einem Schlagertext vor, und Sie müssen den Refrain raten. Also: "Das war ein super Sommer in jedem Augenblick, wir ließen unsere Träume einfach schweben. Und wenn mich heute einer fragt, wie definierst Du Glück, denn brauch ich gar nicht lang zu überlegen. . ."

". . . die Sonne, die Sonne und Du, gehörn dazu."

Sie haben das Beste vergessen: "Uhuhuhu!" Den Text verfassten Sie 1983 für Udo Jürgens. Sind Ihnen Ihre Schlager heute peinlich?

Nein. Wieso auch?

Weil Sie das Fach gewechselt haben: Heute schreiben Sie Musicals wie "Mozart!".

Aber deshalb muss ich mich doch nicht für meine Schlager entschuldigen. Ich gehöre nicht zu denen, die Schlagertexte für "bäh" und Lyrik für großartig halten.

Warum schreiben Sie dann seit 15 Jahren keine Schlager mehr?

Ein Grund ist, dass in Deutschland irgendwann die Singer-Songwriter angefangen haben, das Feld im Pop-Bereich zu dominieren. Im volkstümlichen Bereich wollte ich nicht arbeiten, weil ich diese Inhalte nicht empfinde. Der zweite Grund ist, dass ich einfach in das Alter gekommen bin, wo man keine Schlager mehr schreiben sollte. Warum soll ich mich noch in Teenager reindenken?

"Das pochende Herz / dieser Stadt ist aus Erz": Das ist ein Zitat aus dem Disney-Musical "Der Glöckner von Notre Dame". Reimen müssen sich offenbar nicht nur Schlager. Was ist denn der qualitative Unterschied zwischen Musical- und Schlagertexten?

Jedenfalls nicht der Reim. Aber das Reimen ist meine Hauptaufgabe nie gewesen, weder beim Schlager noch beim Musical. Reimen kann ja jeder, das sieht man bei jeder Geburtstagsfeier. Es geht hier wie dort doch nur darum, etwas auszudrücken, etwas auf den Punkt zu bringen, was man zu sagen hat. Wenn man nichts zu sagen hat, dann nützen auch die Reime nichts.

Sie haben die deutsche Version des "Glöckners" geschrieben. Empfinden Sie das Stück als Ihr Werk?

Nein. Ich habe bei der Produktion zwei Funktionen gehabt: Ich habe die deutsche Adaption gemacht, da hatte ich inhaltlich natürlich keinerlei Einfluss, aber ich hatte mit Disney auch einen Beratervertrag, und innerhalb dieser Aufgabe habe ich sie auch dramaturgisch beraten und mich in einigen Punkten durchgesetzt, in anderen nicht. Dennoch liegt diese Arbeit am "Glöckner" eher neben meinem eigentlichen Weg, denn ich mache ja ein neuartiges europäisches Musical, das meiner Ansicht nach den Broadway längst überholt hat.

Der Text des "Glöckners" steckt voller politischer Botschaften. Es geht um einen Kampf der Machtlosen gegen die Mächtigen. Wenn der Stadtvogt mit Blick auf die Zigeuner sagt: "Das Boot ist voll", klingt das wie ein Verweis auf die Asyldebatte. Sind Sie ein Gutmensch?

Ich glaube, Verfolgten Asyl zu gewähren, ist heutzutage keine Frage von gut oder schlecht, sondern von Anstand und Vernunft. Im übrigen bin ich der Meinung, dass Musiktheater immer aktuelles Theater sein muss, dass es mit der Zeit zu tun haben muss, in der man lebt. Das ist ja die Crux mit der Oper. Ein wirklich gelungenes Musical muss innerhalb von zehn Jahren veraltet sein. Das gilt für die Musik wie für die Inhalte.

Und deshalb bringen Sie jetzt ein Musical heraus, dessen Titelheld 208 Jahre tot ist?

Genau.

Das müssen Sie uns erklären.

Das ist ganz einfach: Die Geschichte Mozarts ist eine ungeheuer moderne Geschichte, eine Geschichte übers Erwachsenwerden, und ich glaube, wir leben in einer Gesellschaft, in der das Erwachsenwerden schwerer und schwerer wird. Wir werden bewusst kindlich gehalten. Die Leute, die "Mozart!" sehen werden, werden sehr schnell spüren, dass es um sie und ihre heutigen Probleme geht.

Warum schreiben Sie dann nicht gleich ein Stück über einen Jugendlichen von heute, der erwachsen werden möchte?

Weil das kein Schwein interessieren würde.

Sie müssen also das Label "Mozart!" draufkleben, damit die Leute reingehen?

Sie glauben doch nicht, dass sich die Griechen "Elektra" angeschaut haben, weil sie sich für sich selbst und ihre Probleme interessiert haben. Die Leute interessieren sich für charismatische Persönlichkeiten, weil sie selber wenig charismatisch sind. Die Aufgabe des Autors ist es dann, aufzuzeigen, dass diese Figuren exemplarisch nicht nur für ihre Epoche, sondern auch noch für unsere Gegenwart sind. An großen Figuren sind große Themen leichter zu zeigen. In ihnen verdichtet sich Geschichte wie in einem Kristall.

Das, was Sie "modernes Musiktheater" nennen, klingt oft verdächtig nach dem x-ten Aufguss von Verdi- oder Puccini-Opern. Kann das wirklich die Zukunft des Genres sein?

Es ist klar, dass man sich an den Großen der Oper orientiert, weil die sehr genau gewusst haben, wie das Handwerk des Musiktheaters aussieht. Ein Rad bleibt immer ein Rad, und ich glaube deshalb, dass es kein Rückschritt ist, sich an Verdi zu orientieren. Gerade meine Musicals lehnen sich stark an die Oper an. Das ist ganz normal, denn die Oper ist eine der wenigen bewährten großen Theaterformen.

Die deutsche Musicalbranche steckt in einer Krise. Die Stella AG hat ihre Häuser in Duisburg und Essen geschlossen, das Rezept, das jeweils neueste Andrew-Lloyd-Webber-Musical zu adaptieren und dann irgendwo in der Provinz ein eigenes Theater dafür zu bauen, funktioniert nicht mehr. Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht, dass Musicals noch eine Zukunft haben?

Es gibt keine Musical-Krise. Ich sehe jedenfalls keine. Wenn man sich die Bühnenstatistiken anschaut, sieht man, dass der Bereich Musiktheater kontinuierlich wächst. Mein Musical "Elisabeth" haben wir abgesetzt, nachdem 1,3 Millionen Zuschauer drin waren. Wir hätten es noch zehn Jahre spielen können. An den Erfolg von "Tanz der Vampire" wollte niemand glauben, aber heute kriegt man keine Karten mehr dafür. Die Probleme der Stella haben mit der Qualität ihrer Stücke zu tun. Die Stella hat noch nie ein eigenes Original-Musical auf die Bühne gebracht. Und beim Musical herrschen dieselben Gesetze wie zum Beispiel auch beim Fernsehen: Wenn ich einfach immer nur fremde Formate importiere, wird sich das Publikum auf Dauer abwenden. Die Leute wollen, dass das, was auf der Bühne passiert, etwas mit ihrem Leben zu tun hat.

Sie schreiben gerade ein Buch über Nietzsche. Könnte daraus auch einmal ein Musical werden?

Nein. Das Musical-Genre hat seine eigenen Gesetze. Die Amerikaner sagen immer: It must dance, it must sing. Ich sage: Es muss große Gefühle wecken, die mit der Gegenwart zu tun haben. Bei Nietzsche ist das nicht der Fall. Einen singenden Nietzsche kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich würde zum Beispiel gerne eine Oper schreiben über Raoul Wallenberg.

den schwedischen Diplomaten, der Zehntausende von ungarischen Juden vor der Deportation rettete . . .

Außerdem verehre ich Wittgenstein und würde gerne ein Buch über ihn machen. Und Ullyses S. Grant, den berühmten General der amerikanischen Nordstaaten, könnte ich mir gut als Hauptfigur in einem von mir geschriebenen Film vorstellen. Wenn ich alle meine Pläne umsetzen wollte, müsste ich mindestens 200 Jahre alt werden.



Die Figuren, von denen Sie sprechen, sind alle schon lange tot. Warum schreiben Sie nicht zum Beispiel eine Oper über Helmut Kohl?

Weil er keine charismatische Figur ist. Und wenn er schon keine charismatische Figur ist, muss er wenigstens ein charismatisches Schicksal haben, das die Menschen erschüttert. Auch das trifft leider nicht zu.

Zurück zu unserem Spiel vom Anfang: Wie würde der Refrain lauten, wenn Sie ein Lied über den gerade abgelaufenen Sommer zu schreiben hätten?

Ich würde immer wieder schreiben: "Ein Bett im Kornfeld". Das ist der definitive Sommersong.

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