Kultur : Es werde nicht

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Peter von Becker über die letzten Geheimnisse der Cheops-Pyramide

Das Dunkel zieht uns an. Vor allem, wenn es, nahe der Sphinx, tiefdrinnen im steinernen Herzen einer Pyramide wartet. Ägyptens Pyramiden bilden ja bis heute die magischste Form des Grab- und Denkmals, an Faszination von keiner Kultur und Architektur – seit dem Einsturz des Turms von Babel – je übertroffen. Und nun dieser von der Roboterraupe und durch ihr Kamera-Auge auch von Millionen Menschen erstmals zu ergründende Schacht: vielleicht ein Fluchtweg der pharaonischen Seele, doch verbunden mit mysteriösen Hohlräumen und versiegelt von immer neuen, vor Jahrtausenden gemauerten Türen.

Möglich, dass das Spektakel um die Cheopspyramide von Gizeh nur ein Humbug ist. Doch Götter, Gräber und Gelehrte sind ein Erfolgstrio, wenn es um die urmenschlichen Neugierden geht, ins Labyrinth des Minotaurus zu dringen oder Blaubarts verbotene Tür zu öffnen, wenn uns der Lustkitzel packt, an den Mittelpunkt der Erde zu reisen oder ins Herz der Finsternis. Nichts zieht mehr an als das verborgene und gar verbotene Geheimnis. Zumal, wenn ein Fluch den Kitzel erhöht – wie in Gizeh, wo denen, die ins innere Reich der Pharaonen dringen wollen, Hieroglyphen den Tod verheißen. Und das Menetekel hatte Recht, die ersten europäischen Forscher und kolonialen Grabräuber des 19. Jahrhunderts ereilte später oft rätselhaftes, immer tödliches Unheil. Heute freilich könnte den Roboter nur ein elektronischer Kurzschluss treffen. Und seine Betreiber die Enttäuschung, wenn sich die letzte Tür öffnet und dahinter nichts ist. Wenn das Ende des Tunnels nur das Ende des Tunnels war.

Oscar Wilde hat einmal über eine rätselhaft anziehende Frau geschrieben, die jeden Tag in einem sonderbaren Haus verschwindet. Irgendwann ist der besessene Beobachter dann der Frau in das Haus gefolgt – und der Zauber erlosch. Wildes Erzählung heißt „Die Sphinx ohne Geheimnis“. Also ahnen wir, was auch in der Tiefe der Pyramide gilt: Das Dunkel ist Licht genug. Goethe soll auf dem Totenbett als letzte Worte geäußert haben: „Mehr Licht.“ Andere aber meinen, er habe gesagt: „Mehr nicht.“

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