Kultur : Es werde Schnee

Harald Schmidt spielt Gott im Berliner Ensemble

Harald Martenstein

Eigentlich war es ein schöner Theaterabend, obwohl es kein Stück gab. Harald Schmidt nahm sich die Bühne des BE, wie ein Kind sich ein Spielzeug nimmt. Er führte vor, was man alles damit machen kann. Zeigte, wie man im Theater spricht, ohne Mikro. Imitierte seine Lieblingsschauspieler vom Stuttgarter Staatstheater, damals, als dort Claus Peymann regierte. Peymann wurde von Schmidt auf jede denkbare Weise verspottet, aber dafür war Peymann dankbar und verbeugte sich am Ende stolz. Harald Schmidt ging auf der Bühne ganz nach hinten, an die Brandmauer, brüllte dort „Männer!“ im Stil von Oliver Kahn. Er sagte, mit Bezug auf das Stück von Tschechow: „Könnte ich mal eben ein Drei-Schwestern-Licht haben?“ Oder: „Jetzt sollte es schneien.“ Dann fuhr er, schweigend auf seinem Stuhl sitzend, zwei Runden auf der Drehbühne, denn das sei immer sein Traum gewesen, die Brechtbühne nur für ihn, ausverkauftes Haus, und er fährt Karussell.

Wenn man sich fragt, was die „Harald Schmidt Show“ ausmachte, könnte eine mögliche Antwort heißen: Staunen. Der Versuch eines Profis, den Weg zurück zur Naivität des Laien zu finden, zum Beispiel zu der Begeisterung, mit der man zum ersten Mal einen richtig guten Film sieht. Schmidt spielte, zum Teil improvisierend, ähnlich wie in seiner Show, und er hatte sichtbar Lust dazu, trug lange Haare, war braun von Sylt, las aus „Bild“ und „Berliner Zeitung“ vor. Das Publikum war mit höchster Lach- und Verehrungsbereitschaft erschienen, plötzlich schien alles ganz einfach. Der Rückzug aus der TV-Show ist eben der Preis dafür, dass Schmidt erhalten bleibt als Ausdruck eines aktuellen Lebensgefühls, dass wir aus Platzgründen vielleicht einfach nur „vielschichtig“ nennen sollten. Das Fernsehen pusht, aber auf die Dauer raubt es seinem Personal auch jedes Geheimnis.

Schmidt redete mit der Stimme von Helmut Kohl: „Die Menschen kommen auf mich zu und sagen, schade, dass sie keine Show mehr haben.“ Dann las er einen Brief des ARD-Intendanten Jobst Plog vor, der mit ihm ins Geschäft kommen will, und las auch seine Antwort: „Zeit habe ich nur Montag bis Donnerstag, 22 Uhr bis 22 Uhr 30.“ Gut an Schmidt: die Freiheit. Er las aus „Bild“ vor, plötzlich fiel der Name „Ralph Giordano“. Alles lachte, weil Giordano als Gewohnheitsbetroffener eine lustige Figur ist, dann kam aber ein anrührender Giordano-Text über den Terror in Israel. Keiner lachte. Gut an Schmidt: sein Ernst. Eines Tages wird uns das sich niemals festlegende Schmidt-Chamäleon so fremd vorkommen wie heute schon Heinz Erhard, aber das wird noch dauern.

Ursprünglich sollte Schmidt aus Salingers „Fänger im Roggen“ vorlesen, der Verlag hatte aber die Rechte nicht frei gegeben. Statt dessen las er ein bisschen Brecht und sang im Brecht-Stil die „Ballade vom ausbezahlten Zuschauer“. 90 Minuten, alles in allem. Ein mitgeschriebener Gag vielleicht noch? „Der Potsdamer Platz sieht aus, als wären die Ceausescus kurz vor der Erschießung noch mal zu Geld gekommen.“

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