Kultur : Es wird Halbmond

Silvia Hallensleben

Ein Gutes hat die Debatte über „Das Tal der Wölfe“. Viele nämlich haben erst jetzt bemerkt, dass es auch im Kino eine Parallelwelt gibt, die bisher von der deutschen Filmkritik weitgehend unbeachtet vor sich hin lebte. Dabei blüht sie keinesfalls im Verborgenen, auch wenn die aufgeregten Expeditionsberichte aus dem Wedding oder Neukölln das nahelegen. Denn das türkische Filmleben in Duisburg und Berlin spielt nicht in verborgenen Hinterzimmern, sondern im Multiplex nebenan.

Wer die Fahrt ins „knallharte“ Karli-Neukölln als zu großes Abenteuer empfindet, kann jetzt türkisches Kino in dem Teil der Stadt besichtigen, wo Fremde nur in Form spanischer Designstudentinnen existieren und Kopftücher bloß als neckisches Accessoire. Im Babylon-Mitte beginnt morgen die Türkische Filmwoche , die mit 23 Lang- und ebenso vielen Kurzfilmen zum vierten Mal einen breiten Querschnitt türkischen Filmschaffens präsentiert. Zwischen die Filme der aktuellen Produktion sind einige „Klassiker“ – so Programmleiter Selçuk Sazak – gestreut wie Yavuz Turguls Muhsin Bey (1987), der die soziokulturellen Umbrüche der achtziger Jahre als Tragikomödie durchspielt (am Dienstag und Mittwoch). Von den Wundern kultureller Differenz erzählt die Komödie Mama, ich habe Angst von Reha Erdem, die 128 Minuten sehr lautstark um gekappte Familienbande, Potenzangst und andere Hypochondrien rotiert. Allah darf hier gerade einmal für ein Spülsteingebet herhalten: Ach, Gottchen.

Politische Brisanz verspricht eine historische Dokumentation, die von der Geburt des türkischen Volkes aus den Visionen nomadisierender Steppenweiser berichtet. Steppentraum von Yildirim Eskici wurde vom türkischen Staatssender TRT produziert und erlebt am Dienstag seine Uraufführung. Am Sonntag wird der türkische Botschafter zu einem Matinee-Podiumsgespräch (11 Uhr) erwartet, bei dem noch einmal die offizielle Haltung des EU-Anwärters zum „Tal der Wölfe“ Thema werden soll.

„Europa zwischen Geschichte und Zukunft“ lautet das Motto eines kleinen Europäischen Filmfestival s, das ab morgen im Bali Arthouse-Kino zwischen „L’auberge espagnole“ und Koepps „Kurischer Nehrung“ präsentiert. Die Türkei ist in Zehlendorf nur am Rand dabei. In Hannes Stöhrs Episodenfilm One Day in Europe (heute, Samstag und Montag) glänzt Istanbul wie oft in einer attraktiven Rolle. So wird die Beitrittsdebatte im Kino einmal in gänzlich anderes Licht gesetzt: Als Romantikerin jedenfalls kann man nur hoffen, dass die Traumstadt am Bosporus auch in Zukunft von allen EU-Richtlinien verschont bleibt.

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