Kultur : Essen gehört auf die Straße

STADTPLANUNG

Robert Kaltenbrunner

„Warum nicht ein Gedicht über einen Haufen Scheiße schreiben, wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte. Wie es wimmelt, stinkt und lebt und immer mehr wird.“ Günther Grass, von dem die Worte stammen, ist nicht der Einzige, den diese Metropole an seine ästhetischen, moralischen und psychischen Grenzen geführt hat. Doch die Hauptstadt West-Bengalens ist längst nicht das einzige Großstadtphänomen, über das man ins Grübeln kommen sollte. Dass Städte gleichsam durchs Brennglas auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam machen, dass Stadtbilder und -geschichten besondere Antworten auf allgemeinere Fragen nach der Identität von Menschen geben: Zu solchen Einsichten zwingt die Ausstellung „Learning from“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstr. 25, Kreuzberg, bis 17. Oktober, tägl. 12-18.30 Uhr). Was mit dem Untertitel „Städte von Welt, Phantasmen der Zivilgesellschaft, informelle Organisation“ wenig sinnlich daherkommt, erweist sich als recht suggestiv, um die Thesen von der archaischen, aber auch integrativen Kraft des Informellen zu untermauern: Der Arizona-Markt, im Nordosten Bosnien-Herzegowinas gelegen und eng mit den Planungen der SFOR-Truppen verknüpft, als größter informeller Warenumschlagplatz Osteuropas; das ausgeklügelte System der Dabbawallas (Essensausträger) von Bombay; die „Performance ohne Führerschein“, das Gegenbild zum alltäglichen Verkehrschaos in Istanbul. Wenngleich sich die Ausstellung gegen das Modell der „europäischen Stadt“ wendet, sind auch ihre Konnotationen stets kulturelle. Immerhin gelingt es ihr, normative Parabeln des „guten Lebens“ zu meiden.

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