Kultur : Ethische Grenzen: Die Mischung mit der Maus

Martin Gehlen

Die alten Griechen kannten Chimären, Mischwesen aus Mensch und Tier. Jahrhundertelang bevölkerten diese Fabelwesen lediglich die antike Mythologie. Nun könnten sie mit Hilfe der Gentechnik eines Tages Wirklichkeit werden. Vor einigen Wochen war es der Patentantrag für eine Kreuzung aus Mensch und Schwein, der durch die Medien geisterte. Diesmal sorgt ein Patent zur Kreuzung von Mensch mit Fisch, Maus und Vogel für Aufsehen. Ans Licht gebracht hat dies am Wochenende die Umweltorganisation Greenpeace. Unter der Nummer EP 380646 erhielt die australische Firma Amrad am 20. Januar 1999 vom Europäischen Patentamt in München grünes Licht für ein "Verfahren zur Herstellung eines nicht-humanen chimären Tieres" - zusammengemischt aus menschlichen und tierischen embryonalen Zellen. Aus dem Tierreich wollen die Amrad-Forscher dafür Stammzellen von Mäusen, Vögeln, Schafen, Schweinen, Rindern, Ziegen oder Fischen einsetzen. Ihre Kunstwesen könnten dann menschliche Organe, Körperteile, Nervenzellen bis hin zu menschlichen Erbanlagen enthalten.

Seitdem ist es mit der Ruhe in den Fluren des Europäischen Patentamtes vorbei. "Stoppt Patente auf Leben" steht auf Plakaten am Eingang. Während draußen Greenpeace-Aktivisten Flugblätter verteilen, versammeln sich drinnen Patentexperten aus 20 Staaten. Sie sind nach München in die Erhardt-Strasse 27 gekommen, um über eine Revision des Europäischen Patentübereinkommens zu beraten und Fragen des Patentschutzes zu diskutieren. Noch vor wenigen Jahren wäre das eine graue Routineveranstaltung der 1978 gegründeten Europa-Behörde gewesen, deren Patentanmeldungen von damals 3600 auf inzwischen 140 000 im Jahr angestiegen sind.

Mehr Transparenz gefordert

Doch seitdem das menschliche Erbgut entschlüsselt worden ist, rücken Umweltschützer den Patentbürokraten immer stärker auf den Leib. Sie bemängeln nicht nur eine wirksame öffentliche Kontrolle dieses Europäischen Amtes. "Uns fehlt auch eine breite öffentliche Debatte über die Patentierbarkeit des Lebens", erläutert Greenpeace-Sprecher Christoph Then den Sinn der Aktionen.

Nach Ansicht der Genkritiker geht es beim Erbgut als dem Urstoff des Lebens nicht um irgendeine patentierbare Erfindung wie einst das Telefon, die Dampfmaschine oder den Computerchip. Sie argumentieren, beim Genom hätten die eigentliche Leistung nicht die Entdecker einzelner DNA-Sequenzen erbracht, sondern die Evolution.

Wie vertrakt diese Fragen sind, zeigt auch der Blick auf die Ebene der Europäischen Union. Zehn Jahre bastelte Brüssel an einem EU-Patentrecht. Als die "Richtlinie 98/44/EG zum rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen" 1998 endlich verabschiedet wurde, enthielt sie sehr weitgehende Zugeständnisse an Industrie und Wissenschaftler. Ein isolierter Bestandteil des menschlichen Körpers, "einschließlich der Sequenz oder Teilsequenz eines Gens" ist eine patentierbare Erfindung, heißt es in dem Text. "Das EU-Patentrecht degradiert uns alle zum Rohstofflager", meint Christoph Then, Gentechnik-Experte bei Greenpeace. "Wir müssen uns entscheiden, ob die belebte Natur inklusive der menschlichen Erbanlagen Allgemeingut ist oder nur wenigen Genkonzernen gehören soll".

Unterstützung erhält Greenpeace inzwischen auch von Ärzteorganisationen. "Wir bestehen mit Nachdruck darauf, dass der Mensch oder Teile davon nicht patentiertbar sind", sagt Karsten Vilmar, Ex-Präsident der Bundesärztekammer. Die Mediziner befürchten, dass durch die Gen-Patentierung die Heilung von Krankheiten, die Entwicklung neuer Therapien und Medikamente auf der Strecke bleiben. Denn besitzen Patentinhaber erst die Rechte an bestimmten Gensequenzen, haben sie nicht nur ein Monopol auf diese isolierten Gene, sondern sie entscheiden auch, ob sie Heilverfahren entwickeln oder diese erst einmal für Jahre auf Eis legen. Scharf verurteilte der Tübinger Moraltheologe Dietmar Mieth das Chimären-Patent. Es gehöre zum Standard des ethischen Bewusstseins, dass "keine Verunklarung der menschlichen Gattung" geschaffen werden dürfe, sagte er.

Der Widerstand wächst

Auch auf der politischen Ebene nimmt der Widerstand zu. Italien, Holland und Norwegen wollen die umstrittene EU-Patentrichtlinie durch Klage vor dem Europäischen Gerichtshof zu Fall bringen. Der Europarat sprach sich auf Initiative des SPD-Bundestagsabgeordneten und Arztes Wolfgang Wodarg einstimmig gegen die Patentierung von Lebewesen aus - egal ob Mensch, Tier oder Pflanze. Und auch die Bundesregierung zog nach heftiger Kritik der Kirchen, der Ärztekammer, des Bauernverbandes und der Ländergesundheitsminister kürzlich die Notbremse. Sie will nun auf EU-Ebene verlangen, dass die europäische Patentrichtlinie ganz neu verhandelt wird.

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