Kultur : Eulen nach Berlin

Das Jahrhundert einer jüdischen Verlegerfamilie: Sten Nadolny schreibt den „Ullsteinroman“

Ernst Piper

1977 erschien eine Kassette mit vier stattlichen Bänden, die den Titel trugen „Hundert Jahre Ullstein“. In diesen Tagen feiern wir wieder 100 Jahre Ullstein. Damals war der Erwerb einer Druckerei mitsamt dem dort erscheinenden Neuen Berliner Tageblatt durch Leopold Ullstein der Bezugspunkt für das Jubiläum. Diesmal ist es die Gründung des Ullstein Buchverlags 1903. Aus diesem Anlass erscheint Sten Nadolnys „Ullsteinroman“, der etwa ein Jahrhundert umspannt, allerdings bei den Anfängen der Familie Ullstein im fränkischen Fürth in den 1830er Jahren einsetzt und bei Hitlers „Machtergreifung“ 1933 endet.

Leopold Ullstein, die zentrale Figur, war Papierhändler wie sein Vater. Im Revolutionsjahr 1848 war er 22-jährig in Berlin zugewandert, um seine eigene Firma zu gründen. Der Papierhandel bot ihm ein gutes Auskommen und ließ ihm zugleich Zeit, sich als Kommunalpolitiker für die liberale Partei der Freisinnigen zu engagieren. 1877 erwarb Ullstein eine Druckerei. Damit war der Grundstein gelegt für ein Zeitungsimperium, das seine Glanzzeit in der Weimarer Republik erlebte und eine wichtige publizistische Stütze der ersten deutschen Demokratie war. Im „Völkischen Beobachter“ schrieb Alfred Rosenberg am 30. März 1933, einen Tag vor der Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte: „Der Ullstein Verlag war ein Zentrum der kulturellen und politischen Zersetzung.“

Leopold Ullstein starb 1899. Er hinterließ zehn Kinder. Unter ihnen waren fünf Söhne, die sich die Führung des Unternehmens bis zum bitteren Ende 1933 teilten. Jeder fühlte sich auf seine Weise dem väterlichen Erbe verpflichtet, was vor zum Teil erbitterten Streitigkeiten nicht schützte, die teilweise sogar vor Gericht ausgetragen wurden.

Sten Nadolny versucht, uns die Familie Ullstein nahe zu bringen, indem er – über vier Generationen hinweg – ein gewaltiges Personal aufmarschieren lässt, wobei die Verstorbenen sich gelegentlich auch noch aus dem Jenseits zu Wort melden. Damit man den Überblick nicht verliert, gibt es ein Personenregister und einen Stammbaum im Anhang. Wichtige Lebensläufe werden im Überblick referiert.

So gibt es nicht unbedingt romanhaft anmutende Kapitelüberschriften wie „Hans Ullstein 1859-1935“ oder „Fritz Ross 1889-1964“. Der Gang der Zeitgeschichte wird in kursiven Zwischentexten zusammengefasst, um die erzählenden Kapitel zu entlasten.

Der Autor hat gründlich recherchiert, so dass man in diesem Buch eine Menge erfährt. Seine Behauptung, er habe 98 % „frech erfunden“, darf man nicht wörtlich nehmen. Aber an Erfindungen mangelt es in der Tat nicht. Nadolny selbst und seine alten Freunde Michael Winter und Harald Eggebrecht treten als jüdische Gastwirte auf. Begegnungen des jahrzehntelangen Leiters des Buchverlags Emil Herz mit berühmten Zeitgenossen werden erdichtet. Wer mag, kann das lustig finden. Ärgerlicher ist es, wenn ausführlich das Verhältnis zwischen Theodor Lessing und Ludwig Klages geschildert wird. So kann man zwar Seiten füllen, aber mit den Ullsteins hatten die beiden nun einmal nichts zu tun, und der Gang der Erzählung wird durch solche Einschübe empfindlich unterbrochen.

Sten Nadolny ist ein großer und zu Recht vielfach gerühmter Geschichtenerzähler. Seine gewohnte erzählerische Bravour kommt ihm auch beim „Ullsteinroman“ zustatten. Die erste Hälfte des Buches ist spannend zu lesen. Die Figuren leben, und man lebt mit ihnen mit. Doch in der Generation, die auf Leopold Ullstein folgt, nimmt die Zahl der handelnden Personen derart überhand, dass der rote Faden der Erzählung verloren geht. Die Balance zwischen der Form des Romans und der Fülle des historischen Materials, die der Autor selbst als Ziel angesehen hat, geht zunehmend zu Lasten des Romans verloren.

Schwierig wird es immer dort, wo große zeitgeschichtliche Vorgänge in die Familiengeschichte eingreifen. Nadolnys sonst oft wunderbare Ironie ist dann einfach kein angemessenes Stilmittel. So heißt es z.B. über die Revolution von 1918/19: „Bürgerkrieg war doch arg kompliziert, im Grunde mehr was für Studierte.“ Joseph Goebbels wird im „Ullsteinroman“zum „drahtigen Ledermantel", ein gleich doppelt misslungenes Bild. Erstens sind Ledermäntel nicht drahtig, und zweitens trug Goebbels keinen Ledermantel, sondern eine Lederjacke, um das proletarische Image des Kommunistenführers Thälmann zu imitieren.

Dass Nadolny seine Erzählung mit dem Ende der Weimarer Republik beschließt und uns nichts über Emigration, Rückkehr und Neubeginn erzählen will, ist schade, aber vertretbar. Unbefriedigend ist allerdings der dünne Epilog. Der Autor bietet ein unbeholfenes Psychogramm Adolf Hitlers („wer bei ihm als letzter die Türklinke in der Hand hatte, bekam recht“), dazu alte Legenden wie die von dem von den Nazis angezündeten Reichstag oder neue wie die von den Männern in der Rosenstraße, die angeblich auf einen Befehl von Goebbels freigelassen wurden. Erstaunlich sind bei dem promovierten Historiker Nadolny handfeste Irrtümer wie der, die Zahl der Reichstagsmandate der NSDAP habe sich bei den Wahlen am 5. März 1933 mehr als verdoppelt. Tatsächlich stieg sie von 196 auf 288. Auch das angegebene Datum für die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes ist falsch.

Nadolnys Buch überzeugt, wo er bei der Familiengeschichte und seinen erzählerischen Mitteln bleibt. Das gilt insbesondere für den Teil, der bis zum Ersten Weltkrieg reicht. Danach verwandelt der Roman sich mehr und mehr in einen kulturhistorischen Bericht, der dem Anspruch des Romans zunehmend weniger gerecht wird und doch nicht alle Vorzüge eines guten Sachbuchs aufweist.

Sten Nadolny: Ullsteinroman. Ullstein Verlag, München 2003. 496 Seiten, 24 €.

Der Autor liest heute um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus. Anschließend präsentiert er sein Buch in fast 30 deutschen Städte.

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