Kultur : Euphorie und Existenzangst

Die Berlinerin Larissa Boehning debütiert mit „Schwalbensommer“

Anja Hirsch

Wenn Tanja in Tucson, Arizona, landet, um Chris zu besuchen, ist von ihrer kurzen Liebe in Deutschland nichts geblieben. Die Berliner Erzählerin Larissa Boehning, Jahrgang 1972, lässt in ihrem Debüt „Schwalbensommer“ niemanden in seinen Träumen ankommen. Die Figuren bleiben vorzugsweise, wo sie sind – nicht unbedingt, weil sie wollen, sondern weil sie zu träge sind. Weil sie dort, wo sie wohnen, schon so lange wohnen, „dass sie selbst vergessen haben, wie viele es sind“. Oder sie richten sich erst gar nicht ein. Wohnen in eilig hingestellten Häusern, einer Pappkulisse, die sie jederzeit verlassen können. Oder verschenken auf einmal alle Möbel und bleiben dann doch. Wohin sollen sie auch gehen?

Tanja aus Deutschland braucht ein bisschen länger, um zu begreifen, dass sie unerwünscht ist. Am Ende liegt sie mit einer Dame aus dem Motel am Pool und zeigt ihr den Nordstern. „So ein unverrückbares Ding am Himmel, das einfach da ist.“ Eine kitschige Szene. Die Botschaft ist auch eindeutig: „Mehr hätte ich ja gar nicht gewollt vom Leben, als so einen kleinen Stern, ja?“ So ähnlich funktionieren alle Erzählungen: Irgendwo flackert dieser Stern kurz auf. Schaut man ihn genau an, ist er verschwunden. Aber niemand wundert sich darüber.

Ein Blinzeln in die Welt

Boehnings Figuren sind meist ein bisschen erschöpft. Sie lehnen sich zurück, schließen die Augen und blinzeln unscharf in die Welt. Oder schlafen einfach ein, weil es ihnen egal ist, ob einer bleibt für die Nacht. Sie haben sich schon verabschiedet, vom Glück, von einer Idee, auf der man ein Leben bauen könnte. Die Stimmung klingt nach Judith-Hermann-Geschichten, aber Larissa Boehning erzählt anders: langsamer, gedehnter, sehr konzentriert auf ihre Figuren. Wie sie gehen, die Hand in den Nacken legen, auflachen in jeder Geschichte, unsicher und ein bisschen resigniert, unschlüssig bis verzweifelt. Die Geschichten enden, „weil nichts passiert“. Und trotzdem ist das genau und spannend beschrieben.

Wie bedürftig sie alle doch sind, zeigt sich in ihren Bewegungen, knappen Bitten, einem halbherzigen „Bleib“, in unbestimmten Abschieden. „Er hob ganz kurz die Hand, es war eine seltsam verzagte, unausgeführte Geste.“ Mit solchen Beobachtungen, die oft unkommentiert bleiben, hält sich die Ich-Erzählerin aus der Titelgeschichte „Schwalbensommer“ einen Freund vom Leib.

Erstaunlich, wie man erst mit diesem Freund („was für ein seltsamer Mensch mit einem traurigen Lachen“), dann immer mehr mit der Erzählenden selbst Mitleid hat. Ihre kühle Art zu schildern, verrät die Anstrengung, die es sie kostet, sich selbst dabei herauszuhalten.

Larissa Boehning skizziert ihre Szenen mit großer Gelassenheit. Selbst wenn ihre Geschichten in Fahrt kommen, verstreicht die Zeit langsam. Der Aufbruch ist ein Ausflug. Am Ende gibt man sein Geheimnis doch nicht preis. Alle Texte bergen so ein Geheimnis. Ein stummes Mädchen, das zwischen den Datschen einer Schrebergartenkolonie auftaucht und verschwindet. Eine Narbe am Hals der längst verstorbenen Frau, die Bruder und Ehemann zurücklässt. Es wäre an der Zeit, über Vergangenes zu sprechen. Mit welchen Worten?

Das Äußere ihrer Welt bildet die Mauer dieser um sich selbst kreisenden Figuren. Vielleicht ist das der Grund, weshalb man den Texten ihre harmlose Oberfläche verzeiht, die man auch als Oberflächlichkeit verstehen könnte: die hingeworfenen Floskeln in Dialogen zwischen gekündigten Werbeleuten, die gefälligen Bilder, den Mond, der tief am Himmel steht, groß und nah. Ein Gespann, das loszieht, um eine verlassene Berliner Fabrik zu erkunden. Ein Mann auf Segeltörn mit Freund und Geliebter im verblassenden Rest der abgekühlten Beziehung. „Ich bin glücklich gewesen, für diesen Moment. Der Himmel hell, sonnendurchwirkt. Das dunkle Holz des Schiffes zog die Wärme an, das weiße Deck wies alles von sich.“

Der vermeintlich fließende, leichte Erzählton steht im Widerspruch zu Menschen, die ihr Schweigen mühsam brechen, weil ihnen das Leben mühsam ist. Aus dieser Spannung speisen sich Larissa Boehnings Erzählungen – mit einer erhielt sie 2002 den Literaturpreis Prenzlauer Berg. Ihr Generationsgefühl hat sie wiedergeben wollen, „dieses unruhige Lebensgefühl, ein Schwanken zwischen Euphorie und Existenzangst“. Wo die Geschichten darüber hinausgehen, hat sie ihre stärksten Momente.

Larissa Boehning: Schwalbensommer. Erzählungen. Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2003. 157 Seiten, 17,90 €. – Die Autorin liest beim Berliner „Wintersalon“ im Sony-Center auf dem Potsdamer Platz am 22. Januar um 20 Uhr (Jurte 1) und 21 Uhr (Jurte 2).

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