European Film Market : Manche Deals werden auf Bierdeckeln unterschrieben

Auf dem European Film Market geht es auch um Filme, aber vor allem ums Geld. Hier werden Lizenzen in alle Welt verkauft. Michael Weber hat hier gute Geschäfte gemacht.

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Verhandlungspause. Michael Weber am Stand seines Filmverleihs "The Match Factory". -Foto: David von Becker

Dienstag, die Hallen und Flure des Martin-Gropius-Baus sind voll mit Menschen. Der „European Film Market“ (EFM) ist das geschäftliche Zentrum der Berlinale, hier werden Filmlizenzen in alle Welt verkauft. 414 Firmen sind vertreten, über 40 000 Besucher wurden allein in der ersten Festivalhälfte gemeldet. Ein Spektakel sieht allerdings anders aus. Niemand drängelt, die Atmosphäre ist entspannt und freundlich. Überall stehen oder sitzen Leute, meist zu zweit oder dritt, trinken Kaffee, unterhalten sich auf Englisch, tippen auf Smartphones herum, tauschen Visitenkarten, Infomappen, DVDs aus.

Michael Weber, 42 Jahre alt, Achttagebart, Hornbrille, steht am Stand des Weltvertriebs „The Match Factory“ und sieht ein bisschen gestresst aus. „Keine Zeit, gar keine Zeit!“, wehrt er ab. Nicht unfreundlich, nur sehr beschäftigt. Kein Wunder. Webers Kölner Firma vertritt – neben vielen anderen – fünf Wettbewerbsbeiträge: Jasmila Zbanics „Na Putu“, Semih Kaplanoglus „Bal“, Rob Epsteins und Jeffrey Friedmans „Howl“, Rafi Pitts’ „Zeit des Zorns“ und Thomas Vinterbergs „Submarino“. Weber kommt gerade aus Verhandlungen mit einem Verleiher, einen dieser Filme betreffend – und begrüßt schon die nächsten Besucher. „Busy man!“, lachen eine Dame und ein Herr vom Filmfestival in Locarno, die wissen wollen, was Weber noch im Programm hat.

„Wir sind Zwischenhändler“, hatte Weber einige Tage früher im Gespräch erklärt. Seine Firma kauft die Verwertungsrechte – für Kino, DVD, Fernsehen, in Flugzeugen und auf Bohrinseln – von Filmproduzenten, um sie an internationale Filmverleiher weiterzuverkaufen. „Idealerweise bleibt da ein Gewinn übrig.“

Weber war sieben Jahre lang Chef von Bavaria Film International, einem anderen großen Weltvertrieb. Anfang 2006 gründete er seine eigene Firma – und landete gleich bei der Berlinale 2006 einen Riesenhit: Jasmila Zbanics Debüt „Grbavica“ („Esmas Geheimnis“) gewann den Goldenen Bären. Vor dem Preis seien die Lizenzen für den Film an Verleiher in zehn Ländern verkauft gewesen, sagt Weber. „Danach kamen noch einmal 30 dazu.“ So läuft das: Bär bedeutet Aufmerksamkeit bedeutet Marktchancen. Klar, dass Weber auch Zbanics zweiten Film vertritt. „Das ist Teil unserer Philosophie. Wir wollen kontinuierlich etwas aufbauen.“ Vertrauen und Loyalität seien ihm in der Zusammenarbeit mit Regisseuren, Produzenten und Verleihern überaus wichtig. „Die Frage des Geldes ist nicht alles.“

Was sind eigentlich die konkreten Aufgaben eines Weltvertriebs? So einfach kann Weber das nicht auf den Punkt bringen. Der „Match“-Stand ist voll mit Plakaten, Broschüren und reich bebilderten Portfolios. Auf zwei Flachbildschirmen können Filmtrailer abgespielt werden. Vor allem geht es für einen Verleiher darum, seine Filme möglichst vielen – und möglichst den richtigen – Leuten zu präsentieren. Kontakte sind entscheidend. Auf dem EFM ist nicht nur Weber im Dauereinsatz. Während der Chef – „keine Zeit!“ – mit der Locarno-Delegation redet, führt einer seiner Mitarbeiter am Nebentisch mit zwei Produzenten ein Akquisegespräch, schließlich ist die Firma ständig auf der Suche nach Entdeckungen. Noch einen Tisch weiter erneuert eine Kollegin einen abgelaufenen Vertrag mit einem Verleiher. Was wie nette Plauderei aussieht, ist harte Arbeit. Innerhalb einer Messewoche wurden am Stand mehr als 200 Espressi getrunken.

Der größte Markt für einen Vertrieb wie „The Match Factory“, der sich auf anspruchsvolle internationale Arthouse- Produktionen spezialisiert hat, ist übrigens nicht Amerika. „Wir ärgern unsere US-Verleiher damit, dass ihr Angebot vergleichbar mit dem ist, was wir in Polen haben“, lacht Weber. Die meisten Zuschauer für die Sorte Filme, die „The Match Factory“ anbietet, gebe es in Frankreich. „Wir machen Filmkunst – dort gibt es die meisten Zuschauer dafür.“

Nicht alle neuen Verträge werden direkt auf dem EFM abgeschlossen – obwohl Weber erzählt, dass er auch schon einmal einen Deal auf einem Bierdeckel unterschrieben habe. Einige Vereinbarungen kommen aber doch an den weißen Messestandtischen zustande. „Submarino“ etwa, so viel verrät ein erschöpfter, aber gut gelaunter Michael Weber bei einem dritten Treffen am Mittwochmorgen, sei nach seiner Festivalpremiere bisher in „zwölf bis vierzehn“ Länder verkauft worden, darunter Frankreich, Italien, Spanien, Griechenland, Benelux – aber auch Japan. „Für diesen Film ist das ein sehr guter Start.“ Einige Absprachen wurden zwar erst mündlich getroffen, doch auch mehrere verbindliche „Deal Memos“ wurden unterschrieben, die die Eckpunkte späterer Verträge in Kurzform festhalten. Am Ende rechnet Weber damit, „Submarino“ an Verleiher in 30 bis 40 Länder zu verkaufen.

Weber sitzt wieder an seinem Stand, vor sich sein iPhone und einen Becher Milchkaffee. Alle paar Minuten wird das Gespräch unterbrochen: ein belgischer Produzent, ein Verleiher aus der Schweiz. Für den „Match“-Chef steht noch einiges an: Gespräche, Filmscreenings, Partys. Seine Zwischenbilanz? „Wenn es mit fünf Filmen im Wettbewerb nicht gut läuft – wann dann?“ Am heutigen Freitag geht der EFM zu Ende. Der Messestand wird abgebaut, die meisten Mitarbeiter reisen ab, zurück nach Köln. Weber bleibt noch bis Samstag. Zur Bären-Verleihung.

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