Kultur : Ewige Flucht

Linke und Botelho beim Tanz im August

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Beharrlich zieht sie ihre Kreise auf der dämmerigen Bühne – eine strenge Hohepriesterin des Tanzes, eine düstere Norne. Susanne Linke präsentierte beim „Tanz im August“ die Uraufführung ihres neuen Werkes „Kaikou“. Die Pionierin des deutschen Tanztheaters schlägt bei ihrem kurzen Auftritt im Radialsystem einen weihevollen Ton an, der dem Stück einen antiquierten Anstrich gibt.

Kaikou bedeutet im Japanischen soviel wie Seelenwanderung. Nicht nur der ewige Zyklus aus Werden und Vergehen, Tod und Wiedergeburt ist damit gemeint. Es ist der Kreislauf aus Sieg und Niederlage, den die drei Männer auf der Bühne durchlaufen müssen. Den Kampf ums Überleben fasst Linke im archaischen Bild des Jägers. Den tanzenden Kriegern in ihren langen Wickelröcken verleiht sie eine japanische Anmutung. Stilisiert sind die kriegerischen Haltungen, die Gesten des Tötens – mal scheinen sie den Bogen zu spannen, mal mit einem Schwert den Raum zu durchschneiden. Doch sie sind nicht nur Jäger, sondern auch Gejagte. Wenn wir Tiere wären: Wie ein müder Löwe kriecht Urs Dietrich voran und wölbt imponierend den Brustkorb. Den Rang als Alphatier wollen ihm die anderen gleich streitig machen. Animalisch wirkt aber nur der geschmeidige Brice Desault. Die drei Kreaturen umschleichen einander wie gereizte Raubkatzen. Das Kreismuster dominiert auch, wenn die Tänzer in die aufrechte Haltung zurückfinden. Die Männer werden zu lauernden Gegenspielern, verfolgen und umschwirren sich. Die animal instincts, die verborgen unter Zivilisationsschichten liegen, will Susanne Linke sichtbar machen. Doch die Transformation von Mensch zum Tier vermag kaum zu fesseln, die choregrafisch-szenische Ausbeute von „Kaikou“ ist mager. Wenn neben Computersounds auch noch Auszüge aus Mahlers 5. Sinfonie erklingen, ächzt der Tanz unter der Bedeutungsschwere.

Susanne Linke vermengt Mystizismus und Zivilisationskritik, auch Guilherme Botelho ist der Versuchung erlegen, den Tanz auf eine griffige Philosophie herunterzubrechen. „Sideways Rain“ ist eine Art Evolution im Zeitraffer – und landet am Ende wieder in der Regression. Zunächst kriechen, robben und purzeln die 16 Tänzer der Genfer Compagnie Alias über die Bühne, den aufrechten Gang müssen sie erst lernen. Die unermüdliche Fortbewegung steigert sich zu einem temporeichen Laufen und Rennen, nur kurz halten die Tänzer inne, um dann gleich wieder weiterzuhasten. Der Einzelne wird mitgerissen von einem Strom aus Körpern. Der Mensch ist dazu verurteilt atemlos ins Ungewisse zu stürmen und einsam zu bleiben, lautet die leicht zu entziffernde Botschaft. Das unaufhörliche Vorbeiziehen der Körper entfaltet anfangs durchaus eine szenische Sogkraft, doch mit seinem schlichten Konzept läuft „Sideway Rains“ bald ins Leere. Sandra Luzina

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