Kultur : Explosion & Implosion

Kammermusiksaal: Die Festwochen portraitieren Johannes Maria Staud

Isabel Herzfeld

Die Fachpresse nennt ihn den Shooting Star der jüngsten österreichischen Komponistengeneration. Nun ja. Wenn Johannes Maria Stauds Festwochen-Portrait, welches das Scharoun-Ensemble unter Leitung von Henrik Schaefer so lebendig wie engagiert zeichnet, Klassiker der Moderne wie Schönbergs Kammersinfonie Nr.1 zum Vergleich heranzieht, ist dem 28-Jährigen damit eine schwere Bürde auferlegt. Auch neben den profilierten Intervallkonstellationen von Varèses „Octandre“ erscheint der Innsbrucker, der im Kompositionswettbewerb der Musikhochschule „Hanns Eisler“ den 1. Preis davontrug, zwar von handwerklich ausgereifter Begabung, aber doch ein wenig blass.

Vielleicht lassen sich in „Incipit“ für Altposaune und fünf weitere Instrumente die Eingangssignale und anschließenden hektischvirtuosen Bewegungen noch eindringlicher darstellen, als Solist Olaf Ott dies tut. Feine Klangabstufungen finden statt, wenn das Cello die Motive der Posaune aufnimmt oder aufwendiges Schlagwerk mit mächtig wummernden Holzkisten die Spannung schürt. Die Miniaturen auf einen Text von Max Bense fordern der Sopranistin Caroline Stein ein breites Spektrum an „Schreien und Flüstern“ ab und werden zur Albtraumskizze, wenn Beckenwirbel, Harfe und zarte Streicher sich zu expressiv gedehnten Linien verbinden. Die uraufgeführten „Configurationes/Reflet“ treten schließlich vollends aus dem Schatten des bloß gut Gemachten. Hi-hats und Drums akzentuieren die teils mikrotonal entgleitenden Umfärbungen zwischen Streicher- und Bläserklang. Die explodieren immer wieder in nervös aufgefächerter Bewegung – und schlagen eine Brücke zum Free Jazz. Wenn zum Schluss wütend zugetreten wird, während die Instrumente nur noch Atemgeräusche oder Gefiepe und Gewinsel von sich geben, ist eine dramatische Qualität erreicht.

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