Kultur : Extremsoul, polnisch

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LESEZIMMER

Diedrich Diederichsen über die

Werkausgabe von Czeslaw Niemen

Zwei emotionale Grundfarben werden in der PopMusik schon lange nicht mehr vermischt, ja sind sich feindlicher, als verfeindete Fronten eines Kulturkampfes nur sein können. Ich nenne sie mal Eleganz und Existenzialismus. Das erste wäre die Fähigkeit, mit einem Style, einem künstlerischen Entwurf auf das Leben und seine Härten zu reagieren, immer in dem Wissen, dass man die stets gefährdete und prekäre künstlerische Kommunikation kontrollieren muss. Da draußen im kommunikativen Raum sind Kapitalismus und Kälte. In elegante Styles ist immer eingearbeitet, wie und dass man in einer feindlichen Welt lebt. Man findet diese Haltung bei Soul, R&B, HipHop, teilweise in Punk und New Wave und in allen möglichen Tanzmusiken von House bis Electroclash – aber auch etwa bei einer Band wie Pulp. Die andere Position ist zu narzisstisch, um sich über die anderen Gedanken zu machen, zu narzisstisch, um paranoid zu sein. Oder zu jung. Oder einfach behütet aufgewachsen. Dieser Typus will beichten, es rauslassen, alles sagen, von Identität und Todesangst erzählen und anderen Psychomüll für Gleichgesinnte in Moll und Kirchentonarten verbreiten. Zu dieser Position gehört ein großer Teil der Songwriter-Musik, das ganze neo-sensible Kunstgewerbe von Belle & Sebastian bis zu Radiohead, natürlich und vor allem Gothic und vieles mehr. Zum Beispiel auch Godspeed You Black Emperor.

Brisant ist es zu rekonstruieren, dass und wo beide Positionen mal den gleichen Ursprung hatten. Zu hören, dass es tatsächlich eine historische Sekunde gab, als gerade der Tiefsinn ein Style war und trotzdem auch als Tiefsinn ernstgemeint. Und als Style knallhart und distinktionsscharf. Ein paar Leute sind ein paar Monate oder gar Jahre so auf des Messers Schneide gelaufen: die Walker Brothers, Scott Walker solo, Nick Drake, aber vor allem die keyboardlastige Fraktion des frühen britischen Progressive-Rock, die alle vom keyboardlastigen R&B kamen – Collosseum, der ganz frühe Jon Lord (später Deep Purple) und vor allem der spätere Satanist und Märtyrer früher Gothic-Kulte, der R&B-Organist Graham Bond. In den Achtzigern hat der australische Großsänger Louis Tillet dieses Genre zwischen hochelegantem R&B und schmandigstem Prog-Rock noch einmal kurz und heroisch wiederbelebt.

Sie alle kurvten zwischen den Modi, die sich so ausschließen, wie man nicht gleichzeitig in Indikativ und Konjunktiv reden kann. Einen aber gab es, der hat das alles sechs, sieben Jahre getrieben: der oberbrillante, in seiner Heimat berühmte, anderswo nahezu unbekannte, polnische Sänger und Schweineorgler Czeslaw Niemen. Auf dem Label des „Polskie Radio“ sind jetzt auf sechs CDs die fast vollständigen Werke seiner großen Zeit bis 1971 neu erschienen. Das sind sechs zwischen 1967 und 1971 erschienene LPs und eine Zusammenstellung mit EPs und Singles von vor 1967, darunter vier Stücke mit dem Orchester von Michel Colombier.

Niemen versuchte sich in den ersten zehn Jahren seiner 1958 begonnenen Karriere an allen möglichen Stilen: als folkige Studententype, Rock’n’Roller, als Chansonnier, der unter anderem Marlene Dietrich begeisterte, die ihn coverte, und als polnischer Beatle. Mit seiner LP-Epoche aber fand er zu einem konsistenten Stil, einer verrückten, aber vollkommen selbstverständlich wirkenden Kreuzung aus einem stark stilisierten Hipster-Soul mit einem hemmungslosen Pathos, das der Amateur-Kulturalist immer wieder gerne mit irgendwelchen osteuropäischen Traditionen in Verbindung bringt.

Aber es klappte. Niemen hatte einen Warschauer-Pakt-Megaseller, die Single „Dziwny Jest Ten Swiat“ aus seinem gleichnamigen 67er Album, später noch mal für den Westmarkt als „Strange Is This World“ wiederaufgenommen. Für seine dritte LP, „Czy mnie jescze pamietasz“ klaute man die archetypische Pop-Typografie der Albert-Ayler-LP „Live At Greenwich Village“. Und ab der fünften konnte man sich auf LP-Seiten füllende Extremsoulballaden verlassen, die nun endgültig den Jordan oder Styx zum Prog-Rock überschritten, aber immer noch in einem Style steckten. Sonst war alles da: das Schwelgen in öden, aufgeblasenen Moll-Kadenzen, Orgelwände, gegen die Phil-Spector-Arrangements zu mickrigen Minimalismen schrumpften, brunftiges Kunstgewerbe. Aber was für ein enthusiastischer Showmensch! Seine Version von Prog-Rock wurde stilbildend für diverse andere Ostbands, in der DDR, in Polen, aber auch Jane aus Hannover beklauten ihn ohne Credits. Niemen hing sich später auf ähnlich rätselhafte Art an die polnischen Welterfolge im Jazzrock an und nahm seit den Achtzigern seinen Abschied von der Bühne. Heute ist der 64-Jährige als Komponist und Allround-Promi tätig. Kauft sein Frühwerk!

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