Kultur : Face lifting

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über den Versuch,

mit einer schönen Frau Essen zu gehen

„Tiere sehen dich an" heißt ein kreaturenfreundlicher Bestseller aus dem Jahr 1928 – und eine Montage von John Heartfield von 1929, die acht Porträtaufnahmen ranghoher Militärs zum Heiligenbild anordnet. Solche gruselig versteinerten Schlachterköpfe finden sich heute kaum noch, die umfassende Ästhetisierung des Alltags hat unbezweifelbar ihre angenehmen Seiten. Nur hat sie inzwischen leider selbst Süßigkeiten im Griff: Beinahe die gesamte Warenpalette preist sich sympathisch lächelnd an. Keine Ausnahme bildet die Literatur und deren Schöpfer. Nicht wenige ihrer Fotos taugten durchaus für Bewerbungen bei Boygroups oder Modelwettbewerben. Vor Jahren hat mir ein Lektor verraten, den Roman einer verflucht gut aussehenden Schriftstellerin auch deshalb eingekauft zu haben, um mal mit ihr essen gehen zu können. Wenn sich heute Abend im Literarischen Colloquium (20 Uhr) die Kritiker Helmut Böttiger und Hubert Winkels sowie die Schriftsteller Christoph Peters und Karen Duve fragen: „Braucht die Literatur ein Gesicht?" , dann scheint mir: Es ist zuweilen zumindest der Ernährung förderlich.

Franz Kafka ist natürlich, wie immer, ein besonderer Fall. Aber was sein vorteilhaftes Äußeres angeht, ist er ein Klassiker. Sein sensibelhübsches Jungmännergesicht ziert manchen Buch- und Zeitschriftentitel, jüngst aus Anlass einer neuen Biographie, die sich auf nicht weniger als 700 Seiten nur einem halben Dezennium widmet. Ihr Autor Rainer Stach (siehe Tagesspiegel vom 12.1.) hat den Zeitraum von 1910 bis 1915, in dem die wichtigsten Erzählungen und Romane entstehen, beackert: „Die Jahre der Entscheidungen" (S. Fischer). Er spricht heute Abend im Literaturhaus (20 Uhr) mit Sigrid Löffler und Thomas Lehr über Kafkas Zeit zwischen Universität und dem Ausbruch seiner Tuberkulose.

Weit gereist ist die Nordamerikanerin Siri Hustvedt , wenn sie am 18.1. bei Dussmann (17 Uhr) ihren Roman „Was ich liebte" (Rowohlt) vorstellt. Hustvedt (siehe Sonntags-Interview vom 12.1.), deren Schönheit und Beziehung zu Paul Auster weidlich ausgeschlachtet wurde, erzählt vom unaufhaltsamen Niedergang einer erotisch getönten Freundschaft zwischen einem Künstler- und einem Akademikerpaar in New York.

Noch zwei Hinweise: Der Posener Literaturprofessor Hubert Orlowski spricht im Literaturhaus (15.1., 20 Uhr) über das deutsche Stereotyp „Polnische Wirtschaft" (Harrassowitz) und wie schön Identitätszuschreibungen das eigene Selbst stabilisieren. Davon kann der Wirtschaftswissenschaftler Jiri Kosta ein eigenes Lied singen. Der Tschechoslowake wird 1941 nach Theresienstadt deportiert, überlebt Auschwitz, muss wegen des stalinistischen Antisemitimis in einer Fabrik arbeiten und geht, bevor er nach dem Ende des Prager Frühlings 1968 als Reformer erneut verfolgt wird, ins Exil. Kosta liest in der Europäischen Akademie (Bismarckallee 46–48, Grunewald) aus seiner Biographie „Nie aufgegeben" (Philo).

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